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Die Judenverfolgunfg im Dritten Reich (1941-1942)


        I. Einleitung
       II. Im Allgemeinen.
    III.  Polen unterm Hakenkreuz.
    IV.   Exekutionen im Osten.
    V.    Die “Aussiedlung” (1942).
    VI.   Deportationen im Westen.
    VII.  Auschwitz.
    VIII. Deutschland wird “judenrein”.
    IX.   Literaturverzeichnis.


    I. Einleitung.

    Die Naziordnung ließ nach sich die Spuren der Verbrechen, die zu jener
Zeit nicht alle für Verbrechen hielten.
    Unter Untaten und Verbrechen belegt die Judenverfolgung einen mehr als
bedeutenden Platz.
    In dieser Arbeit wird dieses Thema behandelt.
    Es besteht ein Risiko, sich bei der Systematisierung von  nazistischen
Untaten von dem zu behandelnden Thema zu distanzieren. Deshalb lassen  wir
uns alle Verallgemeinerungen entgehen. Wir konzentrieren uns auf Zeugnisse
von  unberühmten,  aber  bestimmten  Personen,  die   den   unmenschlichen
Experimenten zum Opfer fielen.
    Man kann uns  beschuldigen,  dass  die  Zeugnisse  einen  zu  privaten
Charakter  haben.  Wir   sehen   diese   Beschuldigungen   voraus.   Unser
Kontrargument ist, dass aus solchen “unberühmten”  Zeugen  die  Armee  von
Opfern besteht, die sowieso berühmt ist.
    Das muss nicht beweisen werden.  Weil  die  Beweise  bis  jetzt  nicht
“ausgerottet” werden können, obgleich es die Leute gibt, die darauf  Augen
zuzudrücken versuchen.
    Es lohnt sich den ganzen Umfang der Verwirklichung  von  der  Politik,
die auf der Rassentheorie basierte,  an  Beispielen  von  ihren  östlichen
(Riga, Warschau,  Breslau)  und  westlichen  (Amsterdam,  Auschwitz  usw.)
Richtungen bei der Losung “judischer Frage” zu zeigen. Wir beschränken uns
auf den Zeitabschnitt 1941 - 1942. Als  Epigraph  zur  Beschreibung  einer
jeden Aktion wird die Rede von Nazisleaders angeführt. Dadurch  wird  ihre
Politik ohne weiteren Kommentar illustriert.
    Hoffentlich wird  diese  Arbeit  ein  Beitrag  zur  Ermahnung  an  die
Ereignisse, die nie vergessen sein müssen.
    II. Im Allgemeeinen.
                                                Merke, es gibt Untaten, über
                                       welche kein Gras wächst.
                                                                 J. P. Hebel

    Der 9. November 1938 wird in der deutschen Geschichte  für  immer  ein
Datum der Schande bleiben. In der sogenannten “Reichskristallnacht” wurden
in   ganz   Deutschland   die   Schaufenster   der   judischen   Geschäfte
eingeschlagen, die Synagogen angezündet und Zehntausende jüdischer  Bürger
in die Konzentrationslager verschleppt. Dieser zentral gelenkte Pogrom war
nur das Vorspiel  zum  staatlich  organisierten,  industriell  betriebenen
Massenmord an  den  Juden  in  Deutschland  und  allen  besetzten  Ländern
Europas.
    Schon während des zweiten Weltkrieges, als die Kamine  von  Ausschwitz
noch Tag und Nacht rauchten, verfassten jüdische Augenzeugen Berichte über
das Martyrium ihres Volkes und das  Wüten  der  Mörder.  Im  Versteck,  in
Ghetto und Lagern, vor den Augen des Feindes, unter Lebensgefahr  und  oft
noch im Angesicht des Todes schrieben die Verfolgten ihre Erlebnisse  auf.
Viele versteckten ihre Tagebücher und vergruben  ihre  Notizen,  weil  sie
hofften, jemand könnte eines Tages ihre Aufzeichnungen finden,  falls  sie
selbst nicht am Leben blieben.
    Es entstand eine neue Literatur, geboren aus dem drängenden Bedürfnis,
den Mitmenschen kundzutun,  was  man  erlebt  und  gesehen  hatte.  Dieses
Bewusstsein  der  missionarischen   Verpflichtung,   eine   Nachricht   zu
überbringen, das heute manchen fremd anmuten mag,  war  damals  aufrichtig
und allgemein. Selbst die Sterbenden baten die Jüngeren, die noch Kraft zu
einem  Fluchtversuch  hatten,  die  Botschaft   von   ihrem   Leiden   mit
hinauszunehmen in die Welt. Es ist  keine  nachträgliche  Pose,  wenn  die
Überlebenden schreiben, dass nur dieser Gedanke sie aufrecht  hielt,  denn
nach dem Verlust ihrer Familie war ihnen der Tod oft  vertrauter  als  das
scheinbar sinnlos gewordene Leben. Die Hölle, der  sie  ausgesetzt  waren,
schien so wahnwitzig,  dass  sie  überzeugt  waren,  die  Welt  würde  ihr
Fortbestehen nicht einen Tag länger dulden,  wenn  sie  nur  die  Wahrheit
erführe - ja, diese Welt selbst könnte so nicht  bestehenbleiben,  in  der
dies möglich geworden war.
    Die meisten Zeugnisse sind mit ihren Schreiben verschollen.  Hier  und
da fand man später  hinter  einer  Mauer  oder  auf  einem  Dachboden  ein
verstaubtes Heft, letztes Lebenszeichen eines Menschen,  dessen  Spur  ins
Nichts führe. Einige Berichte wurden während des Krieges von  Flüchtlingen
ins neutrale  Ausland  gebracht  oder  unter  dem  frischen  Eindruck  der
Erlebnisse in der Freiheit niedergeschrieben.
    Jeder Überlebende glaubte etwas ganz Einmaliges und Wichtiges erzählen
zu müssen. Er verstand sich als  zufälligen,  vielleicht  einzigen  Zeugen
einer menschenvernichtenden Katastrophe. Damals waren die wenigen, die aus
Auschwitz oder dem  brennenden  Warschauer  Ghetto  entkamen,  tatsächlich
Sendboten aus einer Unterwelt, von der  man  noch  auf  keine  andere  Art
verlässliche Nachricht empfangen hatte.
    Auf Himmlers Befehl  wurden  zwar  vor  Kriegsende  noch  die  meisten
Unterlagen seines Amtes  vernichtet,  aber  schon  die  zufällig  erhalten
gebliebenen  Dokumente  ergeben  ein  erdrückendes   Beweismaterial.   Die
Tatsachen sind heute allgemein bekannt oder könnten es zumindest sein,  da
inzwischen genügend dieser Akten veröffentlicht wurden.
    Die Judenverfolgung, die sich bis zum staatlich organisierten  Genozid
steigerte,  ist  das  nach  umfang  und  Systematik  sicher   furchtbarste
Verbrechen der Nazis, die auch Millionen Angehöriger der slawischen Völker
ermordeten.  Die  Juden  waren  die   ersten   Opfer   eines   umfassenden
Ausrottungsprogramms zur “rassischen Neuordnung” Europas,  das  von  eimen
siegreichen Hitlerdeutschland  verwirklicht  worden  wäre.  Ihr  Schicksal
beweist,   in   welchen   Abgrund   des   Verbrechens   die    nazistische
Raubtierphilosophie führe. An diesem Beispiel  zeigt  sich  die  Krankheit
einer ganzen Epoche. Nicht eine judische, eine deutsche Angelegenheit wird
hier verhandelt.
    Mit Hitlers Machtantritt war das Ende der  Demokratie  in  Deutschland
gekommen.  Die  erste  Terrorwelle  richtete  sich  gegen   die   deutsche
Arbeiterbewegung, in der die Nazis zu Recht ihren  entschiedensten  Gegner
erkannten. Die Stimme der Vernunft und der Humanität musste gewaltsam  zum
Schweigen gebracht werden, bevor die neuen Machthaber ihre  Pläne  in  die
Tat umsetzen konnten. Bald  wurden  alle  politischen  Parteien  verboten.
Entsetzt erkannten die Verfolgten, dass der Staat das Verbrechen schützte:
Verbrecher hatten die Staatsmacht übernommen. Noch gab es  Widerstände  in
der Maschinerie, aber  die  Gleichschaltung  hatte  begonnen.  Eine  wüste
antikommunistische   und   antisemitische   Hasspropaganda   diente    der
Einschüchterung   und   Disziplinierung   der    Bevölkerung    wie    der
psychologischen Vorbereitung  weiterer  Massnahmen,  die  den  Terror  zum
Gesetzt  erhoben.  Der  Errichtung  der   Konzentrationslager   für   alle
politischen Gegner des Regimes folgten 1935 die Nürnberger Rassengesetzte,
die den Rückfall ins Mittelalter konstituierten.
    1938 demonstrierte der neue  Staat  seinen  kriminellen  Charakter  in
aller Öffentlichkeit. Der zentral gelenkte Pogrom vom 9. November, der von
der Propaganda als spontane Erhebung der deutschen Bevölkerung hingestellt
wurde, leitete mit Brandstiftung, Mord und Massenverhaftungen eine  zweite
Welle von Gesetzten ein. Man nahm den  deutschen  Juden  auf  juristischem
Wege  die  letzten   Rechte   und   entzog   ihnen   die   wirtschaftliche
Existenzgrundlage, um sie zur Emigration zu zwingen.
    Nach Beginn des zweiten Weltkrieges  wurde  der  bis  dahin  erreichte
Stand der antisemistischen Gesetzgebund  in  vollem  Umfang  auf  die  von
Hitlers Truppen  überfallenen  Länder  übertragen.  Die  polnischen  Juden
mussten als erste das Zeichnen des  Davidsterns  anlegen.  Sie  wurden  in
bewachten Ghettos gefangengehalten, in denen Hunger und Seuchen  bald  ein
Massensterben auslösten. In den westeuropäischen Staaten begnügte man sich
vorerst    mit    der    Registrierung    und    der    Einführung     der
Kennzeichnungspflicht.
    Mit dem Überfall auf die Sowietunion begann die nächste Etappe. An die
Stelle der Umsiedlung trat nun  die  Vernichtung.  In  allen  Dörfern  und
Städten  von  der  Ostsee  bis  zum  Schwarzen  Meer  wurde  die  jüdische
Bevölkerung unter dem Vorwand einer  Registrierung  zusammengetrieben  und
bis auf wenige, für die Truppe unentbahrliche Fachkräfte an Ort und Stelle
erschossen.  Gelegentlich  verwendete  man  auch  Gaswagen,  wie  sie   in
Deutschland bei der “Euthanasie”-Aktion  eingesetzt  wurden.  Gleichzeitig
suchte man nach wirksameren und weniger auffälligen Tötungsmethoden.
    An mehreren Orten im besetzten Polen, deren Namen heute die ganze Welt
kennt, wurden besondere Anlagen mit Gaskammern und Krematorien  errichtet,
in  dennen  der  Massenmord  industriell  betrieben  werden  konnte.  1942
erreichtete die Verfolgung ihre höchste Stufe: das prinzip der Deportation
und Vernichtung wurde auf  alle  von  Hitlerdeutschland  besetzten  Länder
angewandt. In Polen wurde ein Ghetto nach  dem  anderen  mit  barbarischer
Brutalität geräumt und die gesamte Bevölkerung -  Männer,  Frauen,  Kinder
und Greise - in Güterzügen zur Hinrichtung gefahren.
    In Westeuropa wiederholte sich dieselbe Tragödie, überall  begann  nun
die grosse Menschenjagd. Wer nicht freiwillig zum  Sammelplatz  ging,  den
holte die Polizei. Aus allen Himmelsrichtungen des Kontinents rollten  die
Transporte in die Todeslager.
    In Auschwitz-Birkenau entstand die  zentrale  Vernichtungsanlage,  die
schliesslich  eine  Tageskapazität  von  9000  vergasten  und  verbrannten
Menschen  erreichte.   Gleichzeitig   befand   sich   hier   das   grösste
Konzentrationslager,  in  dem   hunderttausende   von   Deportierten   als
Sklavenarbeiter für die deutsche Grossindustrie gehalten wurden,  bis  man
auch sie als arbeitsunfähig vergaste oder verbrannte.
    Die deutschen Juden hatten den längsten Leidensweg  und  gingen  durch
alle  seine  Stationen.  Sie  starben  in  den  Ghettos   von   Lodz   und
Theresienstadt, in den Erschiessungsgruben von Riga und Minsk oder in  den
Gaskammenr von Auschwitz  und  Treblinka.  Nach  achtjährigem  Pariadasein
brachten sie nur noch wenig Widerstandskraft  auf,  als  die  Abtransporte
nach  dem  Osten  begannen.  Von  der  deutschen  Bevölkerung  wurden  die
Deportationen  -  wie  alle  anderen   Verbrecher   der   Nazis   -   fast
widerspruchslos hingenommen. Während es in den europäischen Nachbarländern
selbst unter deutscher Besatzung zahlreiche Akte  des  Protestes  und  der
Solidarität gab, blieben in Deutschland die Kirchen stumm und Versuche von
Widerstand und Hilfe für die Verfolgten die Ausnahme.
    Überall in Europa wurde ein stiller, zäher Kampf um falsche Pässe,  um
Waffen und um Obdach für die Untergetauchten  gefürt.  Aber  das  stärkste
Beispiel mutiger Auflehnung  gab  die  polnische  Judenheit.  Es  war  das
Warschauer Ghetto, das 1943 zur letzten Schlacht antrat für das Recht  des
Menschen, wie ein Mensch zu sterben. Die Flamme des Aufstandes  griff  auf
andere Ghettos und Todeslager über  und  wirkte  bis  in  die  Reihen  der
westeuropäischen Résistance als Signal und Ermutigung.
    Nach dem Beginn der sowjetischen Gegenoffensive begannen  die  Mörder,
die  Vernichtungslager  einzuebnen.  Sie   liessen   auch   die   riesigen
Massengräber öffnen und die Leichen  verbrennen,  um  keine  Spuren  ihrer
Verbrecher  zu  hinterlassen.  Gleichzeitig  wurden  die  Vergasungen   in
Auschwitz   noch   ununtergebrochen   fortgesetzt,    nur    vorübergehend
eingeschränkt durch die Bedürfnisse  der  Kriegswirtschaft,  die  mit  der
Zielsetzung des Rassenwahns in Widerspruch  geriet.  1944,  zur  Zeit  der
alliierten Invasion, erfuhr der  Massenmord  mit  der  Deportierung  einer
halben Million ungarischer Juden seinen grausigen Höhepunkt. Ein  Wettlauf
mit der Zeit begann.
    Gegen Kriegsende  wurden  die  Insassen  der  Konzentrationslager  auf
Gewaltmärschen ins Innere Deutschlands  getrieben.  Tausende  fanden  nich
wenige Tage vor der Befreiung den Tod. Kein Häftling sollte in  die  Hände
der Sieger fallen. Man fürchtete lebende Zeugen.
    Ein Jude, der im  besetzten  Europa  überleben  wollte,  musste  nicht
einem, er musste hundert Toden entkommen. In jeder Stadt, in jeder Strasse
lauerten auf ihn die Menschenfänger. Ihr Netz war eng  und  undurchlässig,
und wer ihnen einmal entkam, war noch nicht gerettet.
    Einige von Zeugen konnten  noch  rechtzeitig  auf  legalem  Wege  ihre
Heimat  verlassen.  Die  meisten  hatten  einen  gefährlicheren  Weg.  Sie
entkamen  den  Razzien,  flohen  aus  den  Ghettos  und  brachen  aus  den
Deportationszügen aus. Sie lebten im Versteck oder mit falschen  Papieren,
schlugen sich in neutrale Länder durch oder gingen in die  Wälder  zu  den
Partisanen.  Das  Lager  haben  nur  die  wenigen  überlebt,  die  bessere
Lebensbedingungen hatten, weil sie als Ärzte oder Bürokräfte für  die  SS-
Verwaltung  arbeiteten,  oder  jene,  die  erst  im   letzten   Kriegsjahr
eingeliefert wurden und noch besonders widerstandsfähig waren.  Jeder  von
ihnen hätte eine Odyssee zu berichten.

    Die Jahre vergehen, die Spuren von Blut und Asche sind verblasst. Über
der gemarterten Erde Polens und der ehemaligen Sowjetunion, auch  auf  dem
Boden der früheren Vernichtungslager und Erschiessungsgruben,  wächst  ein
Gras, und mit ihm wächst die Gefahr des Vergessens.
    III. Polen unterm Hakenkreuz.

    “Heute, mein Führer, steht das Volk einiger denn je um  sie  geschart.
Was Sie von diesem Volk fordern werdern, es wird freudig alles in  blindem
Vertrauen geben. Es wird in blindem Vertrauen dem Führer folgen.  Wie  ein
stählerner Block im glühenden Feuer gewaltiger Ereignisse  ist  heute  die
Einheit Deutschlands.
    Das Volk geht dorthin und wird  dorthin  marschieren,  wohin  Sie  die
Richtung geben. Sei es zum erwünschten  Frieden,  sei  es  aber  auch  zum
entschlossensten Widerstand.
    Niemals aber haben wir, das deutsche Volk, freudiger  und  überzeugter
und entschlossener den Willen bekundet: Führer befiehl, wir folgen”.

                                                             Hermann Göring.

    Die Judenverfolgung in Polen beschränken sich natürlich nicht mit  dem
Zeitabschnitt von 1941 bis 1942. Sie haben eine lange Vorgeschichte.
    Historisch gesehen, die Beziehungen zwischen  Bevölkerung  Polens  und
Deutschlands  waren  immer  gespannt.  Davon  zeugen   zahlreiche   lokale
Konflikte, die später in die Kriege übergangen. Territoriale Ansprüche von
beiden Seiten verschärften die Situationen an der Grenze.
    Deutschland hat während des zweiten Weltkrieges alle Bilanzen gezogen.
Die ersten Schösse knallten nämlich auf dem Gelände von Polen. Dieses Land
wurde  zum  ersten  Objekt  der  deutschen  Aggression.  Die  Truppen  der
deutschen Soldaten marschierten am 1. September 1939 ein im  Einklang  mit
Panzer- und Flugzeugemotorengebrüll. Polen gab blitzschnell den Widerstand
auf. Es fiel unter die Stiefel von Siegern.
    “Hitlerkameraden” konnten sich aber mit einem  blossen  Untergang  von
Polen  nicht  befriedigen.  Das  Land  verwandelte  sich  zu   einem   der
schlimmsten Polygonen, wo die Rassenpolitik durchgemacht wurde.
    Es lohnt sich nicht, die ganze bürokratische  Begründung  (eine  Menge
von Unterlagen) anzuführen, um  das,  auf  welche  Weise  das  System  der
Judenverfolgung aufgebaut wurde, zu zeigen. Es wird eine kurze  Verordnung
von 14. November 1939 reichen:

    “Erhebliche durch die Juden  verursachte  Missstände  im  öffentlichen
Leben  des  Verwaltungsbereichs  des   Regierungspräsidenten   zu   Kalish
veranlassen mich, für den Verwaltungsbereich des Regierungspräsidenten  zu
Kalish folgendes zu bestimmen:

                                     § 1

    Als besonderes Kennzeichen tragen Juden ohne Rücksicht auf  Alter  und
Geschlecht am rechten Oberarm unmittelbar unter der Achselhöle eine 10  cm
breite Armbinde in judengelber Farbe.

                                     § 2

    Juden dürfen im Verwaltungsbereich des Regierungspräsidenten zu Kalish
in der Zeit von 17 - 8 Uhr ihre Wohnung  ohne  meine  besondere  Genehmung
nicht verlassen.

                                     § 3

    Zuwiderhandlungen gegen diese Verordnung werden mit dem Tode bestraft.
Bei Vorliegen mildender Umstände kann  auf  Geldstrafe  in  unbeschränkter
Höhe oder  Gefängnis,  allein  oder  in  Verbindung  miteinander,  erkannt
werden.

                                     § 4

    Diese Verordnung tritt bis auf die Bestimmung in § 1  sofort  von  18.
November 1939 ab in Kraft.

Lodz, den 14. November 1939.

                                           Der Regierungspräsident zu Kalish
                                                                   Übelhör”.

    Hinter den ganz  offiziell  und  absolut  neutral  klingenden  Wörtern
versteckt  sich  der  Begriff  “Ghetto”.  Eine  von  Häflingen  Mary  Berg
beschreibt in irhen Tagebüchern, die sie später (“Zwei Jahre im Warschauer
Ghetto”) genannt und veröffentlicht hat, ihr Leben darin. Jede  Seite  ist
ein kompromissloses Zeugnis und eine offene Beschuldigung:

    “15. November 1940.
    Heute wurde das judische Ghetto offiziell  eingerichtet.  Es  ist  den
Juden verboten,  sich  ausserhalb  seiner  Grenzen  zu  bewegen,  die  von
bestimmten Strassen gebildet werden. Es  herrscht  grosse  Aufregung.  Die
menschen eilen nervös in den Strassen hin  und  her  und  geben  flüsternd
Gerüchte weiter, eines phantastischer als das andere.
    Die Arbeit an den Mauern, die fast drei Meter hoch werden sollen,  hat
schon begonnen. Von Nazi-Soldaten bewacht, schichten jüdische Mauer Ziegel
auf Ziegel. Wenn einer nicht schnell  genug  arbeitet,  wird  er  von  den
Aufsehern geschlagen. ich muss an unsere Sklaverei in Ägypten denken,  wie
sie in der Bibel beschrieben ist. Aber wo  ist  der  Moses,  der  uns  aus
dieser neuen Knechtschaft führen wird?
    Am Ende der Strassen, die noch nicht völlig für den  Verkehr  gesperrt
sind, stehen deutsche Wachen. Deutsche und Polen  dürfen  das  abgesperrte
Viertel betreten, aber keine Pakete bei  sich  tragen.  Das  Gespenst  des
Hungertodes steht uns allen vor Augen”.

    Die  Nazisverbrecher  äusserten   eine   feine   Erfindlichkeit   beim
Einrichten des Ghettos. Als hätten sie vorausgesehen, dass  sie  für  ihre
Taten Verantwortung tragen werden (nicht  die  propagierte,  sondern  ganz
reale), machten sie alles so, dass es die Möglichkeit gab, sich  in  einem
Gerichtsprozess zu verteidigen. Ein jeder Nazi, sogar derjenige,  der  ein
unmittelbarer  Vollzieher  der  Rassentheorie,  konnte   die   Beschuldung
ablehnen. Er hatte immer das  Argument,  er  habe  Folge  dem  Befehl  des
Obergestellten geleistet, wenn das aber nicht funktionierte, er hatte noch
eine Chance,  und  zwar:  er  selbst  habe  niemanden  totgeschlagen  oder
geschossen. Die Juden starben selber. Er weiss nicht,  woran  das  gelegen
habe - vielleicht am Hunger oder an der Kälte. Diese Erscheinung  befanden
sich aber ausserhalb seiner Befugnisse.
    Inzwischen funktionierte  der  Mechanismus  des  Massenmordes  weiter.
Kälte, Hunger, Blokade und  Beschränkung  der  Bewegungen  arbeiteten  mit
Nazis Hand in Hand zusammen:

    “4. Januar 1941.
    Das Ghetto liegt im tiefen Schnee. Es ist schrecklich kalt, und  keine
Wohnung ist geheizt. Wo ich auch hingehe, finde ich die Menschen in Decken
gehüllt oder  unter  Federbetten  zusammengekauert,  soweit  diese  warmen
Sachen nicht schon von  den  Deutschen  für  ihre  Soldaten  beschlagnahmt
worden sind. Die bittere Kälte macht die  deutschen  Posten,  die  an  den
Ghettotoren Wache stehen, noch grausamer als sonst.  Wenn  sie  durch  den
tiefen Schnee auf und ab stapfen, schiessen sie von Zeit zu Zeit. Nur  so,
um sich aufzuwärmen. Viele Passanten werden ihre Opfer. Andere Wachen, die
sich während ihres dienstes langweilen, organisieren sich  eine  besondere
unterhaltung. Sie wälen sich zum Beispiel ein  Opfer  unter  den  zufällig
Vorübergehenden und befehlen ihm sich mit dem Gesicht  in  den  Schnee  zu
werfen. Wenn er einen Barr trägt, reissen sie ihn aus, bis der Schnee sich
vom Blut rot färbt. Falls so ein Nazi schlechter Laune ist, kann auch  der
judische Polizist, der mit ihm Wache steht, das Opfer sein.
    Gestern beobachtete ich, wie ein  deutscher  Gendarm  einen  judischen
Polizisten auf der Chlodna-Strasse, in der nähe des Durchgangs vom grossen
zum kleinen Ghetto, “exertieren” lies. Der  junge  Mann  war  zum  Schluss
völlig auser Atem, aber der nazi zwang ihn weiter auf und nieder,  bis  er
in einer Blutlache zusammenbrach. Jemand rief nach einen Krankenwagen, und
der judische Polizist wurde auf eine Bahre gelegt und mit einem  Handwagen
fortgebracht. Im ganzen Ghetto gibt es  nur  drei  Krankenwagen,  deswegen
werden meistens Handwagen benutzt...”.

    Um sich zu  versichern,  dass  getroffene  Massnahmen  effektiv  sind,
beschränkten  Nazisverbrecher  die  Lieferungen  von  Lebensmitteln   nach
Ghetto.

    “28. Februar 1941.
    Die Brotknappheit wird immer  schlimmer.  Auf  die  Lebensmittelkarten
gibt es sehr wenig, und auf dem Schwarzen  Markt  kostet  ein  Pfund  Brot
jetzt zehn Zloty. Das  Brot  ist  schwarz  und  schmekt  nach  Sägespänen.
Weisses Brot kostet sogar 15 bis 17 Zloty. Auf der “arischen”  Seite  sind
die Preise viel niedriger”.

    Und gleichzeitig wurde Ghetto mit neuen Opfern, die  aus  Fluchtlingen
bestanden, immer mehr  bepackt.  Es  herrschte  totale  Antisanitärie.  Im
Winter 1941 zugefrorene Abwässerrören wurden nie renoviert. Der Mangel  an
Arzneien führte zur Gefahr der Cholera-Epidemie.
    Das war aber nicht der  Schluss,  der  den  Becher  des  Unglücks  zum
Überlaufen bringen könnte. Der Mensch  kann  viel  erdulden,  wenn  er  in
psychologischer Ruhe ist. Das verstanden  die  Nazi  und  als  das  letzte
Mittel wurde von ihnen Desinformation erschöpferischen Charakters in  Gang
gesetzt:

    “17. April 1942.
    Das ganze Ghetto war heute in Panikstimmung.  Die  Leute  verschlossen
eilig  ihre  Läden.  Es  lief  ein  Gerücht  um,   dass   ein   besonderes
“Vernichtungskommando”, das schon den Pogrom  in  Lublin  verübt  hat,  in
Warschau angekommen sei, um auch hier ein Massaker zu organisieren”.

    Wir haben die Zeilen nur von einem Menschen angefürt.
    Also nur von einem Opfer.
    Insgesamt betrug die Zahl von Opfern  4800000  Menschen,  unter  denen
1600000 ums Leben gekommen sind.
    IV. Exekutionen im Osten.

    “Ich will hier vor Ihnen in aller Offenheit  auch  ein  ganz  schweres
Kapitel erwähnen. Unter uns soll es einmal ganz offen ausgesprochen  sein,
und trotzdem werden wir in der Öffentlichkeit nie darüber reden...
    Ich meine jetzt die Judenevakuierung,  die  Ausrottung  des  jüdischen
Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht.- “Das jüdische
Volk wird ausgerottet”, sagt ein jeder Parteigenosse, “ganz klar, steht in
unserem Program, Ausschaltung der Juden, Ausrottung,  machen  wir”...  Von
allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat  es  durchgestanden.
Von euch werden die meisten  wissen,  was  es  heisst,  wenn  100  Leichen
beisammenliegen,  wenn  50  daliegen  oder  wenn   1000   daliegen.   Dies
durchgestanden zu haben und dabei - abgesehen von  Ausnahmen  menschlicher
Schwächen - anständig geblieben zu sein, das hat uns  hart  gemacht.  Dies
ist ein niemals geschriebenes  und  niemals  zu  schreibendes  Ruhmesblatt
unserer Geschichte”.

                                          Heinrich Himmler in einer Rede vor
                                     SS-Führern in Posen am 4. Oktober 1943.

    Exekutionen im Osten hatten ein vielfaltigen Charakter.
    Dass  Hitler  in  seinem  Programm   die   Absichten   äusserte,   die
Untermenschen zu vernichten, zu denen ausser Juden auch  Slaven  gehörten,
ist weltbekannt.
    Die  Handlungen  von  Nazis  verbreiteten  sich  auf  Russen,   Polen,
Ukrainern,  Tschechen  und  Slovaken.  Bis  jetzt  sind  die  Stellen  der
Massenmorde nicht zu vergessen.
    Ein besonderer Punkt ist der Krieg mit Partisanen. Dass  die  Menschen
auf dem besetzten Gelände Widerstand leisten, war ausserhalb des deutschen
Verständnisses. Darüber hinaus wurden die Menschen, die an  der  Teilnahme
an der Partisanenbewegung verdächtigt gewesen waren, sehr hart  behandelt.
Zahlreiche  Foltern,  mittelälterische  Erfindlichkeit   beim   Umbringen,
Verfolgerungen  der  Verwandten  bleiben  bis  jetzt  im  Gedächtnis   der
Öffentlichkeit.
    Natürlich wurden Juden von Nazis nicht ausser Acht gelassen.

    Aus dem Tagebuch des SS-Hauptscharführers Felix Landau.

    “11.07.1941. Um 11 Uhr  Abends  kamen  wir  zurück  zur  Dienststelle.
Hochbetrieb. Unten im Keller, den ich  noch  vormittags  ausgeräumt  habe,
stehen  fünfzig  Häftlinge,  darunter  zwei  Frauen.  Ich   löste   sofort
freiwillig einen Kameraden - der bei diesen Wache hatte -  ab.  Fast  alle
werden morgen erschossen. Die meisten Juden unter ihnen  waren  aus  Wien.
Sie träumten noch immer von Wien. Ich mache bis drei Uhr früh des  anderen
Tages Dienst. Hundemüde komme ich dann endlich um halb vier Uhr ins Bett.

    12.7.41. Um sechs Uhr früh  werde  ich  plötzlich  aus  meinem  festen
Schlaf geweckt. Zur Execution antreten. Nun  gut,  spiele  ich  halt  noch
Henker und anschliessend Totengräber, warum nicht. Ist doch  eigentümlich,
da liebt man den Kampf und dann muss man wehrlose Menschen über den Haufen
schiessen. Dreiundzwanzig sollten  erschossen  werden.  Darunter  befinden
sich die schon erwähnten Frauen. Sie  sind  zu  bestaunen.  Sie  weigerten
sich, von uns auch nur ein Glas Wasser anzunehmen. Ich werde  als  Schütze
eingeteilt und habe eventüll Flüchtende zu  erschiessen.  Wir  fahren  die
Landstrasse einige Kilometer entlang und gehen dann rechtseitig  in  einen
Wald. Wir sind  nur  sechs  Mann  augenblicklich  und  suchen  nach  einem
geeigneten Ort zum Erschiessen und Vergraben. Nach wenigen  Minuten  haben
wir so etwas gefunden. Die Todeskandidaten treten mit Schaufeln an, um ihr
eigenes Grab zu schaufeln.  Zwei  weinen  von  allen.  Die  anderen  haben
bestimmt erstaunlichen Mut. Was wohl jetzt in  diesem  Augenblick  in  den
Gehirnen  vorgehen  mag?  Ich  glaub,  jeder  hat  eine  kleine  Hoffnung,
irgendwie doch nicht erschossen zu werden. Die Todeskandidaten  werden  in
drei  Schichten  eingeteilt,  da  nicht  so  viele  Schaufeln  hier  sind.
Eigentümlich, in mir rührt sich nichts. Kein Mitleid, nichts. Es ist  eben
so, und damit ist alles für mich erledigt...”.
    Merkwürdig  ist,  dass  der  Mensch,  der  Tagebücher  führt  und  hat
vielleicht   das   Bedürfnis,   seine   Taten    einzuschätzen,    völlige
Gleichgültigkeit zeigt. Wir behandelten aber einen zu privaten Fall.  Eine
mehr generalisierte Information stellt uns der gebietskomissar Gert  Erren
in   seinem   Bericht   “Freudigster   Arbeitseinsatz”   zur    Verfügung.
Punktualität, Sachkündigkeit und schon erwähnte  völlige  Gleichgültigkeit
verbinden sich in jeder Zeile. Wir führen nur  diejenigen  an,  die  unser
unmittelbares Thema betreffen:

    Judentum:
    “Bei meiner Ankunft zählte das Gebiet Slonim etwa 25000  Juden,  davon
allein in der Stadt Slonim etwa 16000, also über zwei Drittel der gesamten
Stadtbevölkerung.  Ein  Ghetto  einzurichten  war  unmöglich,   da   weder
Stacheldraht noch Bewachungsmöglichkeiten vorhanden waren. Daher traf  ich
von vornherein Vorbereitungen für eine künftige grössere Aktion.  Zunächts
wurde die Enteignung durchgeführt und mit  dem  anfallenden  Mobiliar  und
Gerät     sämtliche      deutsche      Dienststellen,      einschliesslich
Wehrmachtquartiere, ausgestattet und so weit grosszügige Hilfeleistung bei
anderen Gebieten gestellt, dass jetzt beim Anwachsen  aller  Dienststellen
bei mir selbst Mangel herrscht. Für Deutsche unbrauchbares Zeug wurde  der
Stadt zum Verkauf  an  die  Bevölkerung  freigegeben  und  der  Erlös  der
Amtskasse zugefürt. Dann folgte eine genaue Erfassung der Juden nach Zahl,
Alter und Beruf, eine Herausziehung  aller  Handwerker  und  Facharbeiter,
ihre Kenntlichmachung durch Ausweise und gesonderte Unterbringung. Die vom
SD am 13.11. durchgefürte Aktion befreite mich von unnötigen Fressern; und
die jetzt vorhandenen etwa 7000 Juden in der Stadt Slonim sind sämtlich in
den  Arbeitsprozess  eingespannt,  arbeiten  willig   aufgrund   ständiger
Todesangst  und  werden  im  Frühjahr   genauestens   für   eine   weitere
Verminderung  überprüft  und  aussortiert.  Das  flache  Land  wurde  eine
Zeitlang grosszügig von der Wehrmacht gesäubert; leider nur in Orten unter
eintausend Einwohnern. In den Rayonstädten wird nach der Durchführung  der
hilfsarbeiten  für  die  West-Ost-Bewegung  das  Judentum  bis   auf   die
notwendigsten  Handwerker  und  Facharbeiter  ausgemerzt  werden.  Da  die
Wehrmacht  nicht  mehr  bereit  ist,  Aktionen  auf  dem   flachen   Lande
durchzuführen, werde ich die gesamten Juden des Gebietes in zwei oder drei
Rayonstädten zusammenfassen, nur in geschlossen Arbeitskolonnen einsetzen,
um damit endgültig Schleichhandel und Partisanenunterstützung durch  Juden
auszurotten. Die besten Fachkräfte unter den Juden müssen  unter  Aufsicht
in  meinen   Handwerkerschulen   ihre   Kunst   intelligenten   Lehrlingen
weitergeben, um einmal den Juden auch im Handwerk  entbehrlich  zu  machen
und auszuschalten”.
    V. Die “Aussiedlung” (1942).

    “Aus dem Generalgouvernement werden jetzt, bei Lublin  beginnend,  die
Juden nach dem Osten abgeschoben. Es wird hier ein  ziemlich  barbarisches
und nicht mehr zu beschreibendes Verfahren angewandt, und  von  den  Juden
selbst bleibt nicht mehr viel übrig. Im grossen kann man wohl feststellen,
dass 60 Prozent davon liquidiert werden müssen, während nur 40 Prozent bei
der Arbeit eingesetzt werden können.  Der  ehemalige  Gauleiter  von  Wien
(Globocnik), der diese Aktion durchführt, tut das mit  ziemlicher  Umsicht
und auch mit einem Verfahren, das nicht allzu auffällig wirkt”.

                          Josef Göbbels in seinem Tagebuch am 27. März 1942.


    Die Aussiedlung wurde aus vielen Gründen durchgeführt.  Zahlreiche  KZ
wurden überfüllt. Deutsche meinten, es hatte keinen Sinn, die ganze  Masse
von Häftlingen “zu pflegen”. Sie brauchten Essen, Kleidung und  eigentlich
medizinische Bedienung, mag sie auch  ganz  schlecht  sein.  Die  Ausgaben
bewährten sich nicht. Es kam  zur  Notwendigkeit  den  grössten  Teil  von
Häftlingen loszuwerden.
    Der Massenmord hätte zu viel Zeit und Kräfte in Anspruch genommen. Die
Blokade und Hunger führten zum Massenaussterben  nicht.  Es  blieben  also
viele Leute am Leben, trotz aller unmenschlischen Bedingungen.
    1942 begannen Deutsche, Deportationen von Osten durchzumachen.
    Das war ein neues Trauma für Häftlinge. Man behauptet, dass  sich  der
Mensch an einen ganz schlimmen Alltag gewönen  kann.  Diejenigen,  die  am
Leben blieben, finden die Unterstützung  in  einander.  Jetzt  wurden  sie
voneinander getrennt und wurden gezwungen, alles wieder  anzufangen,  eine
neue Erfahrung des Auslebens einzuspeichern.
    Eine der grössten Aktion war die Deportation von Häftlingen des  schon
erwähnten Warschauer Ghettos. Wir führen zwei Ausschnitte aus dem Tagebuch
eines Häftlings ohne Kommentare anzugeben, weil die  Situation  in  diesen
Notitzen völlig geschildert ist:

                                                        “Mittwoch, 22.7.1942
    Das ist also das Ende des  Warschauer  Ghettos,  das  seit  fast  zwei
Jahren verzweifelt um sein Leben gekämpft hat. Heute Mittag wurden Plakate
geklebt, die die Aussiedlung aller Bewohner “nach Osten”,  ohne  Rücksicht
auf Alter und  Geschlecht,  verkündeten.  Man  braucht  sich  wohl  nichts
vorzumachen - diese Ankündigung ist das Todesurteil. Die Deutschen  werden
nicht irgendwo “im Osten” Tausende von Menschen  ansiedeln,  sie  ernähren
und  kleiden,  dieselben  Menschen,  die  sie   in   Warschau   konsequent
aushungerten. Es erwartet sie ein schneller oder langsamer Tod. Vielleicht
gibt es nur Hoffnung für die Helfer der Deutschen, die von der Deportation
ausgeschlossen sind: die Arbeiter in Industrie und  Handwerk,  Polizisten,
das Personal des Judenrates und so weiter. Diese haben  sogar  das  Recht,
Frauen und Kinder bei sich zu  behalten.  Aber  die  übrigen?  Einen  sehr
deutlichen Anhaltspunkt enthält diese zynische Anordnung: Jeder Aussiedler
darf 15 kg seines Eigentums als Reisegepäck  mitnehmen.  Es  ist  erlaubt,
alle Wertsachen, wie Geld, Schmuck, Gold mit sich  zu  führen.  Aber  Gold
durften die Juden doch seit einigen Monaten nicht  mehr  besitzen!  Stellt
euch in eine Reihe, damit wir euch töten, aber bringt die Wertsachen  mit,
ihr erspart uns so viel Mühe!
    Das ist also die Erklärung der Aufregung, die seit  Anfang  der  Woche
hier  um  sich  griff.  Schon  vorgestern  liessen  die  Wachen   an   den
Ghettoausgängen niemanden passieren. Gleichzeitig verhaftete  man  mehrere
hundert Personen und brachte sie, wie ich  annehme,  in  den  Pawiak,  das
Gefängnis. Es waren Ärzte, Rechtanwälte, Frauen. Man sprach  von  Geiseln.
heute verstehe ich mehr. Man nahm sie gefangen, um die anderen in Ruhe  zu
liquidieren. Ich verstehe und begreife die Juden nicht.  Lassen  sie  sich
wie Hammel  zur  Schlachtbank  führen?  Finden  sie  keinen  Ausdruck  des
Protestes, der Verzweiflung? Unterdessen  herrschte  heute  ein  heilloses
Durcheinander. Mittags begann die Menschenjagd durch die jüdische Polizei.
Die Deutschen mischen sich  nicht  viel  ein.  Es  gibt  zwei  Sorten  von
Uniformierten: schwarze und grüne. Sie stellten an  allen  Ghettoausgängen
Mascheinengewehre auf, und man hört  fast  ununterbrochen  Schüsse  -  ich
vermute als Warnung. Aber diese wilde, unschöne Schiesserei dauerte  schon
die ganze Nacht. Die Deutschen zielen mit ihren Gewehren  in  die  Fenster
und  schiessen  mit  Revolvern  auf  Passanten.  Eine   Ärztin   aus   dem
Kinderkrankenhaus in der Sienna-Strasse erzählte mir  heute,  dass  es  in
ihrem Gebäude kein Zimmer gibt, das nicht von aussen beschossen wurde.
    Nun befasst man sich, wie es scheifnt, mit den Menschen, die nicht von
Nutzen sind. Bettler, Obdachlose und  Umsiedler  aus  der  Provinz  werden
aufgegriffen und dann in grösseren Gruppen zum Platz an der Stawki-Strasse
geführt, wo ein Nebengleis der Eisenbahn  endet.  Unser  Kundschafter  war
dort und sah angeblich, wie man sie mit Hals und  Gedränge  in  Güterwagen
verlud und diese dann mit Stacheldraht verschloss. Schlimmer als Vieh.  Es
regnet, und der Anblick dieses Elends, sagt er, wäre nicht zu ertragen.
    Von früh bis spät kamen heute Dutzende von Menschen ins Büro -  manche
kannten wir kaum -  und  flehten  um  Aufnahme  in  die  Arbeitsliste,  um
Ausstellung einer Legitimation, um jede Art von Hilfe. Dies  ist  wirklich
unmöglich. Die allgemeine Panikstimmung und Angst,  durch  die  andauernde
Schiesserei noch verstärkt, ist so schrecklich, dass ich heute abend  froh
war, das Ghetto zu verlassen. Als ich dann das nahezu normale Treiben  auf
den Strassen Warschaus sah, konnte ich es nicht fassen, dass ganz  in  der
Nähe Tausende von Menschen ins Jenseits “ausgesiedelt” werden”.

    Dieser Zeit gehört der Begriff “auf der  Flucht  erschossen”.  Tausend
Menschen wurden auf der Flucht erschossen, ohne  keinen  einzigen  Versuch
wegzufliehen unternommen zu haben. Das Problem war, dass  Deutsche  keinen
Platz für Deportierte hatten. Viele von zu deportierenden schafften nicht,
die Eisenbahnwagen zu besteigen. Ihre Leichen blieben auf den Bahnsteigen.
Auf solche Weise wurden Nazis Tausende  Häftlinge  los.  Sie  haben  keine
Graben gehabt, ihre Verwandten und Hinterbliebenen können bis  jetzt  ihre
Körper nicht finden.
    Die Offen funktionierten Tag und Nacht. Die Einsätze  fürs  Erschissen
arbeiteten praktisch ohne Pausen. Das half aber nicht,  die  Sintflut  von
Häftlingen nahm nicht ab.
    Trotzdem mussten die KZ und Ghettos ausgeräumt werden.



                                                          “Samstag, 5.9.1942
    Die Räumung und Säuberung des Ghettos  von  den  wenigen  Überlebenden
dauert  an.  Grundsätzlich  von  der  Deportation  ausgenommen  sind   nur
Arbeiter, die in besonderen Strassenzügen  wohnen.  Aus  Angst  vor  einer
“Blokade” fliehen sie aus diesen Häusern, aber offiziell  lebt  im  Ghetto
ausserhalb der “Blöcke” niemand mehr. In Wirklichkeit jedoch  halten  sich
noch viele Alte, Kranke und vor allem Flüchtlinge dort auf. Einige  treibt
der Hunger ans Licht, andere werden von  den  Häschern  entdeckt.  In  der
Nowolipie-Strasse sah ich eine  bezeichnende  Szene.  Jüdische  Polizisten
trugen auf Befehl der SS eine gelähmte oder vielleicht auch altersschwache
Frau in ihrem Stuhl aus der Wohnung.  Ein  Deutscher  liess  sie  auf  die
Strasse stellen, ging einen Schritt zurück und holte langsam seine Pistole
hervor. Eisiges Schweigen herrschte ringsum. Dann  schaute  er  der  Alten
direkt ins Gesicht und drückte ab.

                                                            Montag, 7.9.1942
    In der  Firma  hatte  ich  diesmal  Sonntagsdienst.  Es  scheint,  die
Vernichtungsaktion wird mit der grössten Anstrengung geführt und  zugleich
nähert sie sich wohl ihrem Ende. Man weiss, dass einige Menschen am  Leben
bleiben - für wie lange? Es sollen 40000  bis  60000  Bewohner  überleben.
Gestern  bekamen  diese  Glücklichen  sogenannte  Lebensnummern.   Deshalb
mussten sich alle Juden frühmorgens  in  der  Mila-,  Niska-  und  Smocza-
Strasse sammeln. Wer diese Menschenmasse nicht sah,  der  kann  sich  ihre
Furcht überhaupt nicht vorstellen. Diese riesige, verstörte, machtlose und
zugleich vor Angst und Unruhe brodelnde Menge bewegte sich langsam zu  den
Toren, wo die  Auslese  stattfand.  Neben  den  Gendarmen  und  SS-Männern
standen  die  Arbeitsherren  der  zerschlagenen  Juden:  Schulz  und   die
Direktoren der übrigen Fabricken. Die Leute gingen nach  Arbeitsplatz  und
Wohnort  geordnet.  Viele  hatten  Bündel  und  Lebensmittel  mitgenommen.
Unverbesserlicher  Trieb,  etwas  zu   besitzen!   Hier   habe   ich   nun
furchterregende Dinge gesehen, vor allem die Trennung der Kinder von ihren
Eltern. Ein Mann mit einem sechsjährigen Kind und  einem  Säugling  -  die
Frau war schon deportiert  -  hatte  die  Chance,  am  Leben  zu  bleiben,
allerdings ohne seine Kinder. Er liess sie mitten auf der  Strasse  stehen
und ging zu dem bewussten Tor.  “Papa”,  rief  die  älteste  Tochter.  Das
vergesse ich nie. Eine Frau, die nur allein durchgelassen wurde, versuchte
trotzdem, ihren kleinen Sohn durchzuschmuggeln. Ein Deutscher trennte  die
beiden und prügelte angesichts aller die Mutter  mit  der  Peitsche,  trat
nach ihr und schlug ihr mit Fäusten ins Gesicht. Als er  endlich  von  ihr
abliess und die Frau zu sich kam, war das Kind schon fort.  Es  wurde  mit
den anderen weggetrieben. Ich habe die nach dem  Kleinen  suchenden  Augen
gesehen. Das vergesse ich nie. Ein alter, ungefähr  achtzigjähriger  Jude,
wohl der Opa, kniete vor einem SS-Mann,  einer  zwanzigjährigen  Rotznase,
und flehte um das Leben eines Kindes,  das  er  an  der  Hand  hielt.  Der
Deutsche lachte. Das vergesse ich nie.

                                                       Donnerstag, 10.9.1942
    Es wurden etwa 30000 “Lebensnummern ausgegeben. Es ist eine Karte  mit
einer  handgeschriebenen,  fortlaufenden   Nummer,   einem   Stempel   des
Judenrates und einer Unterschrift. Viele Juden, die alle ihre  Angehörigen
verloren haben, wünschen sich den Tod und geben sogar unentgeltlich  ihren
Freibrief ab. Die Frauen der  Offiziere,  die  in  Offizierslagern  leben,
hatten auch  Nummern  erhalten,  doch  gestern  waren  sie  alle  auf  dem
Umschlagplatz, wo man sie ihnen wieder abnahm. Die Liquidation nähert sich
ihrem Ende”.

    Die Aussiedlung ist noch eine schämliche Seite der Geschichte  vom  3.
Reich. Viele am Leben gebliebene Häftlinge sind Zeugen  dieses  Alptraums.
Ihre Erzählungen, Notitzen und  Zeugnisse  warnen  uns,  die  Tendenz  der
neonazistischen Erscheinungen rechtzeitig zu bemerken und sie aus  unserer
eigenen Kräften vorzubeugen.
    VI. Deportationen im Westen.

    Holland wurde von Deutschen am 10. Mai 1940 besetzt. Seit dieser  Zeit
fürten Nazis ihre Aktionen auch  hier  durch.  Die  Nederlanden  haben  im
Vergleich zu Russland, Polen, Frankreich nicht so viel erlebt. Es  bestand
kein Massenmord von Holländern. Es gab keine KZ,  die  so  wie  Buchenwald
oder Auschwitz ins Buch  der  Schuld  der  deutschen  Nation  vor  anderen
Völkern eingetragen wurden.
    Trotzdem wurden hier Juden nicht in Ruhe gelassen. Das beste Verfahren
der Jagt auf Juden, die Nazis  in  diesem  Land  ausgewält  hatten,  waren
Razzien. Holland musste von Juden gereinigt werden.
    Wir  führen  ein   kurzes   Zeugnis   von   Heinz   Landwirth,   einen
“Auszureinigenden”:
    “Am 27. Mai hatte die letzte grosse Razzia stattgefunden. Man sah kaum
noch Juden in den Strassen, aber noch immer wohnten Hunderte von  Familien
in der Afrikanerbuurt. Auch in der Stadionbuurt  gab  es  einige  jüdische
Familien. Wer noch nicht abgeholt war, würde bald abgeholt  werden,  daran
war nicht zu zweifeln. Es war jedenfalls  höchste  Zeit  zu  verschwinden.
Gleichzeitig mit dem Persoonsbewijs - ich  wurde  Johan  Gerrit  Overbeek,
geb. in Aalten, Gelderland,  am  7.  Jänner  1926  -  bekam  ich  von  der
jüdischen Widerstandsorganisation die Adresse eines Bauern in Jutphaas bei
Utrecht,  zu  dem  ich  mich  zu  begeben  hatte.  Ausserdem  wurden   mir
Lebensmittelkarten  für   einen   Monat   ausgefolgt.   Ich   durfte   den
Persoonsbewijs  selbst  unterschreiben.  Er  war  so  gut,  dass  ich  nie
feststellen konnte, inwiefern er gefälscht war, und man sagte es mir  auch
nicht. Ich  vermute,  dass  seine  Nummer  verändert  war,  aber  das  war
unbedenklich, da man bei einer  Strassenkontrolle  nicht  gleich  fürchten
musste, dass die Nummer überprüft würde. So hatte ich also jetzt alles  in
Ordnung, das Abenteuer konnte beginnen. Und rascher als erwartet begann es
auch wirklich drei Tage später am Sonntag, dem 20. Juni 1943.
    Dieser  strahlende  Sommertag  war  der  Stichtag,  an  dem  Amsterdam
“judenrein” werden  sollte.  Wer  dann  noch  bleiben  durfte,  war  hoher
Funktionär des Joodschen Raads, Portugiese, in Mischehe, sterilisiert oder
“Ehrenarier”. Um sieben Uhr früh wurde mit  Lautsprechen  verkündet,  dass
sic h jede jüdische Familie mit ihrem Gepäck auf die  Strasse  zu  begeben
hätte, die Wohnungen seien zu verschliessen.  Wer  nicht  folge  und  nach
Abschluss der Aktion gefunden würde oder wer zu flüchten  versuche,  wurde
mit Straflager bedroht. Das Ende hatte begonnen. Die Polizeiwagen mit  den
Lautsprechern fuhren fort, in andere Strassen. Es blieb  merkwürdig  ruhig
in unserer Gegend. Die Bündel standen gepackt. Ich  hatte  ein  Köfferchen
mit den nötigen Dingen auf meinem Bett. Mein Entschluss, noch  im  letzten
Augenblick zu verschwinden, stand fest, wie aber, das  wusste  ich  nicht.
Granaats sagte ich  nichts  von  meiner  Absicht,  es  wäre  auch  sinnlos
gewesen...”
    Das ist nur ein Zeugnis. Wenn wir aber alle  Zeugnisse  von  Menschen,
die im Westen deportiert wurden oder unter solcher  Risiko  standen,  hier
angefürt  hätten,  hätte  der  Stoff  für  eine  riesengrosse   Bibliothek
gereicht.
    Vom westlichen Gelände wurden Juden, die den Razzien  nicht  entgangen
sind, in KZ deportiert.  Die  Zahl  der  Opfer  ist  so  gross,  dass  die
Historiker bis jetzt um die obere Grenze (von 50000 bis 100000) streiten.

    VII. Auschwitz.

    “Das Lager  Auschwitz  hat  aus  naheliegenden  Gründen  erneut  darum
gebeten, den zu evakuierenden Juden vor dem Abtransport  in  keiner  Weise
irgendwelche beunruhigenden Eröffnungen über die Art ihrer  bevorstehenden
Verwendung zu machen. Ich bitte um Kenntnisnahme und Beachtung.
    Insbesondere   bitte   ich,    durch    laufende    Belehrungen    der
Begleitkommandos bemüht zu sein, dass auch während  der  Fahrt  den  Juden
gegenüber nicht irgendwelche besonderen Widerstand auslösende  Andeutungen
gemacht  bzw.  Vermutungen  über  die   Art   ihrer   Unterbringung   usw.
ausgesprochen werden. Auschwitz muss mit Rücksicht  auf  die  Durchführung
dringendster  Arbeitsvorhaben  darauf  Wert  legen,  die   Übernahme   der
Transporte und ihre weitere Einteilung möglichst  reibungslos  durchführen
zu können”.

      Fernschreiben des Reichssicherheitshauptamts an seine Dienststellen in
                                           Den Haag, Paris, Brüssel und Metz
                                                         vom 29. April 1943.

    Auschwitz ist eines der  schlimmsten  KZ,  das  während  der  Nazizeit
funktionierte. Es gibt diejenigen, die behaupten darüber nichts gewusst zu
haben.  Es  gibt  auch  diejenigen,  die  dazu  ein  Auge  zudrücken.  Die
merkwürdigste Schicht von ihnen sind diejenigen, die sagen, sie haben  den
Befehlen nur Folgen geleistet. Uns interessiert aber ihr  Verhalten  gegen
Häftlinge. Ihre Beziehung auf sie.
    Aus dem Tagebuch des SS-Hauptsturmfrührers Prof. Dr. Dr. Kremer:

                                                            “28. August 1942
    Zum Mützeneinkauf nach Berlin geschickt, werde ich beim  Weggehen  von
der Aufnahme informiert, dass der  Führer  vom  Dienst  mich  zu  sprechen
wünscht. Dieser teilt mir im Auftrage von Hstuf. Köbel mit, dass ich nicht
nach Berlin reisen soll.

                                                             29. August 1942
    Kommandierung lt. F. L. USSZ 2150 28.8.42  18.33  Nr.  1565  zum  K.L.
Auschwitz, da angeblich dort ein Arzt wegen Krankheit ausgefallen ist.

                                                              30 August 1942
    Abfahrt Prag 8.15. über Böhmisch  Trüben,  Olmütz,  Prerau,  Oderberg.
Ankunft  im  K.  L.  Auschwitz   17.36.   Im   Lager   wegen   zahlreicher
Infektionskrankheiten  (Fleckfieber,  Malaria,   Durchfälle)   Quarantäne.
Erhalte  streng  geheimen  Instruktionsbefehl   durch   den   Standortarzt
Hauptsturmführer Uhlenbrock und werde  im  Haus  der  Waffen-SS  in  einem
Hotelzimmer (26) untergebracht. Stabsscharfführer Wilhelmy. Siehe Virchows
Archiv 1936!

                                                             31. August 1942
    Tropenklima bei 38 Grad im  Schatten,  Staub  und  unzählige  Fliegen!
Verpflegung im Führerheim ausgezeichnet.  Heute  abend  gab’s  z.B.  saure
Entenleber für 0,40 RM, dazu gefüllte Tomaten;  Tomatensalat  usw.  Wasser
ist  verseucht,  dafür  trinkt  man   Selterswasser,   das   unentgeltlich
verabfolgt   wird   (Mattoni).   Erste    Impfung    gegen    Flecktyphus.
Photographische Aufnahme für den Lagerausweis.

                                                           1. September 1942
    Von   Berlin   schriftlich   Führermütze,   Koppel   und   Hosenträger
angefordert. Nachmittags bei der Vergasung eines Blocks mit Zyklon B gegen
die Läuse.
                                                           2. September 1942
    Zum 1. Male draussen um 3 Uhr früh bei einer Sonderaktion zugegen.  Im
Vergleich hierzu  erscheint  mir  das  Dantesche  Inferno  fast  wie  eine
komödie. Umsonst wird Auschwitz nicht das Lager der Vernichtung genannt!

                                                           3. September 1942
    Zum 1. Male an den hier im Lager  jeden  befallenden  Durchfällen  mit
Erbrechen und kolikartigen anfallsweisen Schmerzen erkrankt. Da ich keinen
Tropfen Wasser getrunken, kann es hieran nicht liegen. Auch das Brot  kann
nicht schuld sein, da auch solche erkranken, die nur Weissbrot  (Diät)  zu
sich  genommen  haben.  Höchstwahrscheinlich  legt’s  an  dem   ungesunden
kontinentalen  und  sehr  trockenen  Tropenklima  mit  seinen  Staub-  und
Ungeziefermassen (Fliegen).

                                                           4. September 1942
    Gegen die Durchfälle: 1 Tag  Schleimsuppen  und  Pfefferminztee,  dann
Diät für eine Woche. Zwischendurch Kohle und Tannalbin.  Schon  erhebliche
Besserung.

                                                           5. September 1942
    Heute mittag bei einer Sonderaktion aus dem F.  K.  L.  (Muselmänner):
das Schrecklichste der Schrecken. Hschf. Thilo,  Truppenarzt,  hat  recht,
wenn er mir heute sagte, wir befänden uns hier am anus mundi. Abends gegen
8  Uhr  wieder  bei  einer  Sonderaktion  aus  Holland.  Wegen  der  dabei
abfallenden Sonderverpflegung, bestehend aus einem Fünftelliter Schnaps, 5
Zigaretten, 100 g  Wurst und Brot, drängen  sich  die  Männer  zu  solchen
Aktionen. Heute und morgen (Sonntag) Dienst.

                                                           6. September 1942
    Heute Sonntag ausgezeichnetes Mittagessen: Tomatensuppe, 1/2 Huhn  mit
Kartoffeln und Rotkohl (20 g  Fett), Süssspeise und herrliches Vanilleeis.
Nach  dem  Essen  Begrüssung  des  nenen  Standortarztes,  Obersturmführer
Wirths, der aus Waldbröl gebürtig ist. Sturmbannführer Fietsch in Prag war
sein ehemaliger Regimentsarzt. Nun bin ich eine Woche im Lager,  doch  bin
ich die Flöhe in meinem Hotelzimmer noch immer nicht  völlig  wieder  los,
trotz aller Gegenmassnahmen mit Flit (Cuprex) usw.
    Einen erfrischenden Eindruck hat es bei  mir  gewonnen,  als  ich  dem
Adjutanten des Kommandanten meinen Antrittsbesuch machte und  über  seinem
Arbeitszimmer  die  grosse  auf  Papier   gemalte   Inschrift   “Radfahrer
absteigen” las. Übrigens hängt auch in der Schreibstube unseres SS-Reviers
der bemerkenswerte Spruch:
    Hast du im Leben tausend Treffer,
    Man sieht’s, man nickt, man geht vorbei;
    Doch nie vergisst der kleinste Kläffer,
    Schiesst du ein einzig Mal vorbei.
    Abends um 8 Uhr wieder zur Sonderaktion draussen”.

    Unter  “Sonderaktion”  muss  man  Massenmorde   und   Experimente   an
menschlischer Gesundheit verstehen.
    Im Auschwitz wurden etwa 200000 Juden umgebracht. Ohne Kommentar.
    VIII. Deutschland wird “judenrein”.

    “Gleichwertig neben  unserer  antibolschewistischen  Propaganda  steht
diejenige gegen das J u d e n t u  m.  Jedem  Volksgenossen  muss  es  zur
unumstösslichen Gewissheit werden, dass  die  Juden  die  unerbittlichsten
Feinde unseres Volkes sind und sowohl hinter dem  Bolschewismus  als  auch
hinter den Plutokratien stehen. Der “Deutsche Wochendienst” weist  deshalb
mit Nachdruck auf seinen heutigen Beitrag über das  kriminelle  Wesen  des
Judentums hin. Die Behandlung dieses  Themas  gehört  in  den  Rahmen  der
kürzig hier als notwendig bezeichneten Weckung von Hassgefühlen”.
                              Anweisung des amtlichen Zeitschriften-Dienstes
                                                          vom 2. April 1943.

    Obwohl das Reich sein  Territorium  weiter  vergrösserte,  wurden  die
Juden immer schneller vom neuen Gelände verdrängt. Diejenigen,  die  nicht
schafften,  “neues  Deutschland”   zu   verlassen,   starben   in   vielen
Gefängnissen, KZ, Ghetto.
    Nazis schienen ihre Ziele erreicht zu haben.

“Betr.: Evakuierungen von Juden aus dem Altreich”

    1. In der Zeit vom 1. November bis 4. Dezember 1941 werden  durch  die
Sicherheitspolizei aus dem  Altreich,  der  Ostmark  und  dem  Protektorat
Böhmen und Mähren 50000 Juden nach dem Osten in die Gegend um Riga und  um
Minsk  abgeschoben.  Die  Aussiedlungen  erfolgen  in  Transportzügen  der
Reichsbahn zu je  1000  Personen.  Die  Transportzüge  werden  in  Berlin,
Hamburg, Hannover, Dortmund, Münster, Düsseldorf, Köln, Frankfurt  a.  M.,
Kassel, Stuttgart,  Nürnberg,  München,  Wien,  Breslau,  Prag  und  Brunn
zusammengestellt.
    2. Aufgrund der Vereinbarungen mit dem Chef der Sicherheitspolizei und
des SD übernimmt die Ordnungspolizei die Bewachung der Transportzüge durch
Gestellung von Begleitkommandos in Stärke von je 1/12.  Einzelheiten  sind
mit den zuständigen Dienststellen des SD zu besprechen.
    Die Aufgabe der Begleitkommandos ist nach der ordnungsmäßigen Übergabe
der Transporte an die zuständigen Stellen der  Sicherheitspolizei  in  den
Bestimmungsorten  erledigt.  Sie  kehren  dann   unverzüglich   zu   ihren
Heimatdienststellen zurück.
    3. Die durch die Gestellung der Begleitkommandos  entstehenden  Kosten
trägt  der  Chef  der  Sicherheitspolizei.  Die  Kostenaufstellungen   der
Polizeiverwaltungen sind nach Beendigung der Transporte zur Abrechnung  an
den Chef der Sicherheitspolizei einzureichen.

                                  Schnellbrief des Chefs der Ordnungspolizei

                                                        vom 24. Oktober 1941

    Mehr als eine Million  Juden  sind  während  der  Nazizeit  ums  Leben
gekommen. Hitlerkameraden waren sicher, die Geschichte wird sie bewähern.
    Das Schiff des 3. Reichs schaukelte aber immer mehr und  ging  endlich
mit Ach und Krach unter Wasser der Zeit.
    Das, worauf Nazis stolz waren, wurde später gegen sie benutzt. Vor dem
internationalen Gericht in Nürnberg wurde jeder aktive Täter und praktisch
jeder Ideologe zur Antwort für seine Taten gezogen.
    Es verging die Zeit. Deutschland kapitulierte, wurde besetzt, in  zwei
Staaten zerspaltet und wiedervereinigt.
    Das, womit sich Nazis beschäftigten, wird nie vergessen sein.
    Die Judenverfolgungen bleiben  ein  ewiger  Schamfleck  der  deutschen
Geschichte.


ñìîòðåòü íà ðåôåðàòû ïîõîæèå íà "Die Judenverfolgunfg im Dritten Reich (1941-1942) "