Zusammenspiel der Realiatete als eines der Hauptprinzipien des Sujetaufbaus im Roman Stiller von Max Frisch

      Moskauer Staatliche Linquistische Universitaet

                                                  Lehrstuhl fuer Lexikologie
                                         und Stilistik der deutschen Sprache



                                Diplomarbeit

     Das Zusammenspiel der Realitaeten als eines der Hauptprinzipien des
               Sujetaufbaus im Roman von Max Frisch "Stiller"


                                             eingerichtet von Irina Sizikova



                                 Moskau 2003
                             Inhaltsverzeichnis
Einleitung.3
Kapitel I. Der Roman "Stiller" im Schaffen von Max Frisch.  Problematik  und
Strukturelle Besonderheiten des Romans6
1. Max Frisch, Biographie, kurzer Ueberblick6
2. Der Roman "Stiller im Schaffen von Max Frisch. Identitaetsproblematik  in
   "Stiller"? "Homo Faber", "Mein Name sei Gantenbein"..8
3. Strukturelle Besonerheiten des  Romans  "Stiller"  und  die  Haltung  des
   Erzaehlers im Roman...11
1. Aufbau des Romans ..13
2. Form und Funktion des Tagebuchs14
3. Erzaehlsituation und Erzaehlhaltung..16
Schlussfolgerung.20
Kapitel II Zusammenspiel der Realitaeten..22
1. Der Begriff der textwirklichkeit,  Fiktionalitaet  und  Virtualitaet  im
   literarischen Text..22
2. Mehrschichtigkeit der Textwirklichkeit in "Stiller"27
1. Erzaehlte Geschichten29
2. Parabolische Geschichten...32
3. Traeume..36
3. Der amerikanische und der schweizerische Text im  Roman.  Versuch  einer
   vergleichenden Analyse44
1. Die raeumliche Perspektive46
2. Die zeitliche Perspektive48
3. Stilebene.52
Schlussfolgerung58
Literaturverzeichnis..62

      Einleitung
      Das Anliegen der  vorliegenden  Forschungsarbeit  besteht  darin,  das
Phaenomen des Zusammenspiels  der  Textrealitaeten  im  Roman  "Stiller"  zu
erlaeutern. Der Roman zeichnet sich durch komplizierten Aufbau,  Fehlen  der
einheitlichen Erzaehlperspektive aus, was die Rezeption des Werkes fuer  den
Leser zu keiner einfachen Aufgabe macht.
      Das veranlasste uns die Textwirklichkeit zu erforschen und uns mit dem
Zusammenspiel verschiedener Textschichten auseinanderzusetzen.
      Die Textwirklichkeit des Romas stellt in sich keine Ganzheit dar.  Sie
besteht aus vielen  'Kaestchen',  die  in  die  Hauptkonstruktion  eingebaut
sind. Viele Sprachwissenschaftler  setzten  sich  mit  diesem  Textphaenomen
auseinander (Padu?eva 1996; Lotman 1970; 1981; Hamburger 1977; 1979;  Rudnev
1996 und andere).
      Es handelt sich dabei um autonome Textteile wie Traum,  erlebte  Rede,
Luege, Erzaehlung in der Ezaehlung und aehnliche Erscheinungen, die  in  das
Textganze eingebettet sind. Im Rahmen der vorliegenden Forschung sind  diese
Textfragmente in der Hinsicht von Interesse,  dass  ihre  Wechselbeziehungen
und Gegenueberstellung zum  wesentlichen  Element  des  Zusammenspieles  der
Realitaeten wird.
      Das Objekt der Forschung ist der Roman von Max Frisch  "Stiller".  Als
Gegenstand der Forschung treten Mittel und Instrumente auf, die zu  Signalen
der Umschaltung und des Spieles zwischen Fakt und Fiktion werden.
      Das sind unter anderem:
      (  Traeume
      (  Die vom Protagonisten erzaehlten Geschichten
      (  Die zeitliche und raeumliche Perspektive im Roman
          (  Sprache und Stil
      Die vorliegende Arbeit setzt sich dementsprechend zum  Ziel  moegliche
Wechselbeziehungen zwischen Realitaeten im Rahmen eines  fiktionalen  Textes
am Beispiel des Romans von Max Frisch "Stiller" zu erlaeutern.
      Damit dieses Ziel erreicht wird,  sind  folgende  Aufgaben  im  Rahmen
dieser Forschung zu loesen:
          ( Architektonik, Erzaehlhaltung, Mehrschichtigkeit des Textganzen,
   somit Aufbau und Tagebuchform zu beschreiben
          ( Den Einfluss dieser Faktoren auf den Effekt  des  Zusammenspiels
   der Textrealitaeten zu betrachten
           (Einige  Mechanismen  des  Zusammenspieles  der  Realitaeten   zu
   erforschen und konkrete Mittel auszusondern,  die  vom  Autor  eingesetzt
   sind, um diesen Effekt zu schaffen.
      Das Ziel und Aufgaben haben das Forschungsverfahren bestimmt. Das ist:
        (Die Kontexteanalyse
        (Analyse der mikro- und makrostilistischen Kategorien
        (Vergleichende Analyse der Textfragmente
      Die  Struktur  der  Arbeit  ist  von  gesetzten  Zielen  und  Aufgaben
gepraegt. Die vorliegende Diplomarbeit besteht aus  einer  Einleitung,  zwei
Kapiteln, einer Zusammenfassung und einer Bibliographie.
      Die Einleitung  ist  vorwiegend  dem  Forschungsthema,  den  gesetzten
Zielen und Aufgaben gewidmet.
      Das erste Kapitel handelt von der Position, die der Roman im  Schaffen
von Max Frisch einnimmt, und vom Thema, das der Roman beinhaltet.  Ausserdem
wird in diesem Kapitel der  Begriff  "Offenheit"  des  literarischen  Textes
erlaeutert und es wird bewiesen,  dass  diese  Erscheinung  nachstehend  den
Aufbau und die Form des Romans praegt. Von  Bedeutung  ist  in  diesem  Teil
auch die Erklaerung des Begriffs "Erzaehlsituation".
      Das zweite Kapitel ist dem Phaenomen "Zusammenspiel  der  Realitaeten"
gewidmet.
      Im Laufe der Forschung wird aus zwei Sichten  gezeigt,  welche  Mittel
und Instrumente zum Effekt des Zusammenspieles beibringen.
      In diesem Kapitel werden solche Erscheinung wie  "Text  im  Text"  und
"virtuelle Textwirklichkeit" untersucht.
      Das Miteinbeziehen von der freudschen  Theorie  der  Traumdeutung  und
Belletristik setzt sich zum Ziel in diesem Teil der  Forschung  die  Analyse
durchsichtiger zu machen.
      Im Rahmen des  Forschungsthemas  werden  zwei  im  Roman  dargestellte
"Welten" gegenuebergestellt und es wird bewiesen, wie  die  Opposition  'die
Schweiz- Amerika' zum Instrument des Zusammenspieles wird.
      Dabei werden zeitliche und raeumliche Perspektive,  Sprache  und  Stil
der Beschreibung dieser zwei Laender  miteinander  verglichen  und  einander
gegenuebergestellt.
      In der Zusammenfassung werden Schlussfolgerungen gezogen.



        I. Der Roman "Stiller" im Schaffen von Max Frisch. Problematik und
           strukturelleBesonderheiten des Romans

      1. Max Frisch, Biographie. Kurzer Ueberblick

      Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zuerich als Sohn eines Architekten
geboren. Auf Draengen seines Vaters hin, begann er 1931 nach dem  Abitur  in
seiner Heimatstadt ein Studium der Germanistik.  Aus  finanziellen  Gruenden
mute er zwei  Jahre  spaeter,  nach  dem  Tod  seines  Vaters  das  Studium
abbrechen und arbeitete als freier Journalist. Im Rahmen  dieser  Taetigkeit
fuehrten  ihn  Reisen  in  die  Tschechoslowakei,  nach  Polen,  Frankreich,
Bosnien, Griechenland  und  schlielich  bis  ans  Schwarze  Meer  und  nach
Konstantinopel. 1934 entsteht sein erster, von der Balkanreise  inspirierter
Roman  "Juerg  Reinhart.  Eine  sommerliche  Schicksalsfahrt".  Nach  seinen
ersten schriftstellerischen Versuchen geraet  Frisch  in  Selbstzweifel,  er
entschliesst sich mit Schreiben aufzuhoeren und  verbrennt  alle  bis  dahin
entstandenen Manuskripte.
           1936 beginnt Frisch, nachdem er auf Draengen seiner Verlobten den
Journalismus aufgegeben hatte, ein Architekturstudium. Erst 1939 faengt  der
nunmehrige Frisch wieder an zu schreiben. 1940 Veroeffentlichung von
"Blaetter aus dem Brotsack.  Tagebuch  eines  Kanoniers"  in  dem  er  seine
Erfahrungen im Militaerdienst waehrend des Kriegsbeginns  verarbeitet.  1942
erhaelt er das Architektendiplom (baut u.a. das Letzigraben Schwimmbad).  Er
heiratet nun Constanze von Meyenburg und  eroeffnet  mit  ihr  zusammen  ein
Architektenbuero in Zuerich. Die Ehe mit Constanze wird 1959 nach  laengerer
Trennung wieder geschieden.   Fortan  arbeitet  Frisch  im  Doppelberuf  als
Architekt und Schriftsteller. In der Zeitperiode von 1946 bis 1951  verfasst
Frisch Dramen, die die aktuelle Nachkriegszeit  teils  thematisieren,  teils
verfremden: "Nun singen sie wieder"(1946), "Die Chinesische Mauer"
(1947), "Graf Oedland" (1951).
      Frisch  unternimmt  weiter  inspirierende  Reisen  (z.B.Prag,  Berlin,
spaeter auch die USA, Japan), trifft unter anderem Berthold Brecht, der  ihn
sehr beeinflute und Peter Suhrkamp  (Verlag  eroeffnete  mit  Frischs  Werk
"Tagebuch 1946-1949"). Der endgueltige literarische  Durchbruch gelingt  ihm
1954 mit "Stiller". Das Buch wurde in etliche Fremdsprachen  uebersetzt  und
brachte dem Autor den "Wilhelm- Raabe- Preis" der Stadt  Braunschweig  1955,
den "Schiller-Preis" der Schweizer Schillerstiftung 1955 sowie  den  "Welti-
Preis fuer das Drama" der Stadt Bern 1956.
       Der nun unabhaengig gewordene Frisch wechselt haeufig  den  Wohnsitz,
z.B. Berlin,  New  York,  Tessin,  kommt  aber  immer  wieder  zurueck  nach
Zuerich.  Mit  der  Urauffuehrung  des  Dramas  "Herr  Biedermann  und   die
Brandstifter" im  Zuericher  Schauspielhaus  erringt  Frisch  seinen  ersten
Buehnenerfolg  und   wird   kurz   darauf   mit   dem   Georg-Buechner-Preis
ausgezeichnet.  In den 60er Jahren gewinnt Frisch wieder  mehr  Popularitaet
(nach  der  Entstehung  seiner  bedeutensten  Werke),  hauptsaechlich  durch
Fernsehauftritte,  zahlreiche  Literaturpreise  und  seinem  ersten   groen
internationalen Buehnenerfolg "Andorra".  Das  Stueck  behandelt  das  Thema
Rassismus unter der Problematik des  Gebots  "Du  sollst  Dir  kein  Bildnis
machen".
      In den 70ern engagiert sich Frisch nun politisch, z.B. als Redner  auf
einem Parteitag  von  der  SPD,  reist  als  Begleiter  der  Delegation  des
damaligen  Bundeskanzlers  Helmut  Schmidt  nach   China,   nimmt   mit   F.
Duerrenmatt  am  Friedenskongress  teil.   Gegenlaeufig   dazu   findet   er
schriftstellerisch nicht mehr so groen Anklang. Er stirbt im Alter  von  80
Jahren am 5.April 1991 in Zuerich, wo er auch geboren  ist.  Frisch  erhielt
ungewoehnlich viele Preise z.B.  Friedenspreis  des  deutschen  Buchhandels,
Schiller Preis von Baden  Wuertenberg,  Preis  der  jungen  Generation  fuer
"Andorra"  und andere mehr.

      2.   Der   Roman   "Stiller"   im    Schaffen    von    Max    Frisch.
Identitaetsproblematik  in  "Stiller",  "Homo   faber",   "Mein   Name   sei
Gantenbein"

      Die Helden in Max Frischs Werken leiden permanent am eigenen Ich.  Max
Frisch selbst bezeichnete die zentrale  Stellung  der  Identitaetsfrage  und
die damit zusammenhaengende Rollenhaftigkeit des  Daseins,  den  Ich-Verlust
und die Selbstwahl als sein ,"Warenzeichen". So will  der  Bildhauer  Anatol
Stiller, die Titelgestalt des ersten  der  bedeutenden  Romane  (1954),  ein
neuer Mensch mit neuer Identitaet  werden  und  so  frueherem  Versagen  als
Kaempfer auf  der  Seite  der  spanischen  Republik,  als  Ehemann  und  als
Kuenstler entfliehen.
      Im zweiten der namhaften Romane, "Homo Faber" (1957), geht Frisch  von
entgegengesetzter Position ans Werk. Walter Faber, Techniker und  Ingenieur,
moechte an seinem technisierten Weltbild,  in  dem  Schicksal  und  Gefuehle
keinen Raum finden, festhalten.  Aber  er  verstrickt  sich  immer  mehr  in
unwahrscheinliche  Zufaelle  und  irrationale  Liebesempfindungen.  Auf  der
Suche nach  Erlebnissen,  die  ihn  in  seiner  Position  staerken  koennten
(glaubt selbst nicht mehr an Rollenhaftigkeit), holt ihn  schlielich  seine
eigene Vergangenheit ein:  Auf  den  Spuren  seiner  Geliebten  und  eigenen
Tochter, Sabeth, begegnet er der  Welt,  die  er  verlachte  und  kehrt  wie
Stiller zum Ursprung zurueck: auch er ist  am  Ende  ein  Moerder,  auch  er
allein.  Bereits auf den ersten Seiten wird angesprochen: "Ich glaube  nicht
an Fuegung und Schicksal. Ich  bin  Techniker  und  gewohnt,  die  Dinge  zu
sehen, wie sie sind. Ich weigere mich Angst zu  haben."  (Faber  spielt  die
Rolle des Technikers konsequent aus).
      In "Mein Name sei Gantenbein" (1964) steht die Verwandlung des  Lebens
in Geschichten im Mittelpunkt.  Zu  Beginn  des  Romans  montiert  der  Ich-
Erzaehler die Figur aus dem Koerper eines Mannes  aus  Paris  und  dem  Kopf
eines Amerikaners zusammen, sie erhaelt den Namen Gantenbein. Mit der  immer
wiederkehrenden Formel "Ich stelle mir vor" (sowie  auch  Stiller  mit  "Ich
erzaehle  ihm  eine  Geschichte")  probiert   Gantenbein   nun   unablaessig
Geschichten wie Kleider aus, wobei immer wieder nur eine  vorgestellte  Welt
zugelassen wird. Der Titelfigur bleibt  kaum  mehr  eigene  Individualitaet,
deshalb bleibt ihr nur das Spiel mit  Existenzen,  dem  Ausprobieren  seiner
Selbst.
      "Stiller"  entstand  im  Jahre  1953  und  wurde  ein   Jahr   spaeter
veroeffentlicht. Als der Roman erschien, hatte  Max  Frisch  vor  allem  als
Theaterautor einen Namen. In kurzer Zeit  erreichte  der  Roman  als  erstes
Buch des Suhrkamp-Verlages eine Millionenauflage.
      In einem Gespraech mit Horst Bienek sagte Frisch zur Entstehung:
      " Ich war ein Jahr in Amerika, und da ich ein Stipendium hatte, meinte
ich  fleissig  sein  zu  muessen.  Ich  schrieb  sechshundert  Seiten,   die
misslangen. Eines Tages, zuhause, tippte ich  wie  oefters,  wenn  ich  mich
langweilte und mich unterhalten muss, ein paar  Seiten.  Ziellos,  frei  von
dem beklemmenden Gefuehl, einen  Einfall  zu  haben.  Nichts  geht  leichter
zugrunde, als ein Einfall, der sich selbst erkennt! Das blieben  die  ersten
Seiten vom "Stiller", unveraendert; das Material, das ich  zum  Weitertippen
brauchte,   stahl   ich   aus   den   sechshundert    misslungenen    Seiten
ruecksichtslos, so dass das Buch  nach  dreiviertel  Jahren  fertig  war.  "
(Bienek 1969:21)
      "Ich bin nicht Stiller" lautet die unerhoerte Aeuerung des Helden mit
der  der  Roman  einsetzt.  Um  die   Schatten   der   eigenen   Nichtigkeit
loszuwerden, unternimmt er den Versuch  nach  langer  Abwesenheit  unerkannt
und verwandelt in die  Heimat  zurueckzukehren,  doch  dies  schlaegt  fehl.
Spaeter kommt der Symbolgehalt des Namens Stiller zum  Ausdruck.  Auf  einem
Landgut fristet Stiller sein Dasein: verstummt, zurueckgezogen, allein.
      Der Roman ist in zwei Hauptteile untergegliedert, von denen der  erste
Teil  die  "Aufzeichnungen  im  Gefaengnis"  und   die   zweite   Teil   das
"Schlusswort des Staatsanwalts" beinhaltet.
      Die Handlung  findet  im  architektonischen  Aufbau  des  Romans  ihre
Entsprechung.  Die  zwei  Handlungsstraenge  ('White-und   Stillerhandlung')
fuehren am Ende zusammen, denn die Doppelidentitaet Stiller/ White  wird  zu
einer Einheit. Noch weigert sich White Stiller zu sein:
      "[]; abermals vergleicht er Zahn um  Zahn,  wobei  sich  zeigt,  dass
Stiller, der verschollene Kunde seines verstrorbenen Onkels,  beispielsweise
ueber einen tadellosen Achter-oben-rechts verfuegt haben muss; bei  mir  ist
es eine Luecke." (Frisch 1992: 318)
      Dann spricht er jedoch das erste Mal von Stiller in der Ich- Form  und
gibt schliesslich zu, Stiller zu sein.
      "Das Urteil, das  gerichtliche,  wie  erwartet:  Ich  bin  (fuer  sie)
identisch mit dem seit sechs Jahren, neun Monaten  und  einundzwanzig  Tagen
verschollenen Anatol Ludwig Stiller[]" (Frisch 1992: 381)
      "Wielfried Stiller, mein  Bruder,  habe  sich  bereits  erklaert,  den
Betrag von Franken 9 361. 05 zu uebernehmen." (Frisch 1992: 383)
      Max Frisch sagte so ueber sich selbst:  Er  sei  ein  defensiver,  ein
reagierender Schriftsteller. Er erfindet nicht Geschichten, um die  Welt  zu
veraendern, sondern stellt die Welt dar, wie er sie erfahren hat,  ohne  den
moralischen Anspruch zu erheben, Loesungen und Vorschlaege zum  Bessermachen
aufzuzeigen. Im Grunde sei er ein hilfloser Schriftsteller, der schreibt  um
zu bestehen, nicht um zu belehren und waere  vielleicht  am  gluecklichsten,
wuerde ihm ein Aufweichen seiner Problemwelt gelingen.  Aus  seiner  Haltung
als Schriftsteller resultiert auch die Erzaehlhaltung in seinen Romanen.
      .
     3. Strukturelle Besonderheiten des Romans "Stiller" und die Haltung
                           des Erzaehlers im Roman

       Literatur entsteht immer in einer "Partnerbeziehung"  zwischen  Autor
und Leser, weshalb der jeweilige Text in jedem Leser neu entstehen soll.
      Frisch gibt keine  fertigen  Antworten  und   macht  deshalb  auf  das
Problem  des  Offensichtlichen  aufmerksam:  "...alles  sagen  bedeutet  ein
Entfernen". Das Offene in  der  Reproduzierbarkeit  beim  Konsumieren  eines
Textes mu gewaehrleistet bleiben, sonst bleibt  die  Gefahr,  da  man  das
"Geheimnis zerschlaegt". Die schriftstellerische Form  sollte  deshalb  eine
"stofflose Oberflaeche" bleiben, die es letztlich nur fuer den  Geist  geben
kann.
      In seinem Aufsatz "Zwischen Autor und Text" betont Umberto  Eco  unter
anderem, dass der Autor zwar der Urheber des Textes ist, aber der  Text  ist
nach seiner  Entstehung  autonom,  so  dass  es  Unterschiede  zwischen  der
Absicht des Autors und der Textintention geben kann. Ueber sich  selbst  als
Autor sagt Eco: "Das Geschriebene hat sich von mir abgeloest und fuehrt  ein
Eigenleben."  (Eco  1992:  91).  Mit   dieser   Behauptung   verweisst   der
Wissenschaftler auf den Aspekt der  Offenheit,  die  das  literarische  Werk
hinsichtlich der Moeglichkeiten der Entwicklung seiner Handlung aufweisst.
       Das trifft auch die Autorenposition von Max Frisch. Ein Buch ist fuer
ihn nur dann lesenswert, wenn es ausreichend Platz  fuer  den  Reichtum  der
eigenen Gedanken laet. Dieser Gedanke ist verknuepft mit Frischs  Abneigung
gegen die vollendeten Formen in der Literatur bzw. mit  seinem  eigenen  Weg
der Skizzen, Tagebuecher, Berichte. In  einer  skizzenhaften,  unvollendeten
Form eines literarischen Textes ist die Gefahr, da der Autor dem Leser  die
eigene Reproduktion durch allzu offensichtliche Vollendung vorenthaelt,  und
ihm dadurch sein eigenes Bildnis aufzwingt, am geringsten. Die  Skizze  soll
nach Frisch nur die Richtung aufzeigen, nicht aber das Ende.
      Die von Frisch im "Stiller" gewaehlte  Form  des  Erzaehlens  bewirkt,
dass der Leser einen sehr eingeschraenkten Blickwinkel hat.  Daher  muss  er
sich automatisch mehr Gedanken machen, um von der ersten  Seite  des  Buches
an  den  unbekannten  Faden  zu  spinnen  und  Verbindungen   zwischen   den
Erlebnissen Stillers zu knuepfen. Die  knappe  Information,  die  der  Leser
beim Rezeptionsvorgang erhaelt,  ergibt  Leerstellen,  die  er  mit  eigenen
Assoziationen,  Theorien  und  Vermutungen  fuellt,   welche   jedoch   auch
zerstoert  werden  und  zu  neuen  Ueberlegungen  veranlassen.   Durch   die
gewaehlte Romanform wird der Leser aktiv, er muss  sich  permanent  mit  dem
wechselhaften  Erzaehlvorgang  auseinandersetzen.  Die  multiperspektivische
Darstellung   der   Personen   und   Charaktere   fuehrt   zu   vielseitigen
Moeglichkeiten der Interpretation. Der Leser muss  sich  sein  eigenes  Bild
machen, in dem er sich  kritisch  und  distanziert  mit  dem  Erzaehler  und
dessen Eigenarten auseinandersetzt.
      Die Offenheit der Struktur des Romans macht den modernen Roman, so wie
ihn Max Frisch entstehen laesst,  ueberhaupt  moeglich.  Das  Losgeloestsein
von einer konventionellen Romanform laesst den  Leser  unvoreingenommen  dem
Werk   entgegentreten   und   in    eine    neuartige    Moeglichkeit    des
Rezeptionsvorgangs eintauchen.
      Gerade durch diese Einstellung des Autors zu  seinen  Werken  sind  in
bedeutendem Ausmass einige Besonderheiten der Architektonik  des  Romans  zu
erklaeren,   solche   wie   Erzaehlhaltung,   Aufbau    und    Tagebuchform,
Mehrschichtigkeit der Textwirklichkeit.

      3.1 Aufbau des Romans
      Die   Form   dieses   Romans,   seine    Struktur    und    seine
Erzaehlperspektive sind haeufig  bewundert  worden,  so  von  Friedrich
Duerrenmatt in seinem "Fragment einer Kritik" und von Walter Jens. Eine
genaue Untersuchung hat Karlheinz Braun vorgenommen.
      Ich mchte zunaechst den ausseren Aufbau des  Romans  betrachten.
Das Buch besteht aus zwei  ungleichen  Teilen,  deren  erster,  weitaus
umfangreicherer, Stillers Aufzeichnungen im Gefangnis umfasst, waehrend
der zweite das Nachwort des Staatsanwalts enthaelt. Die  Aufzeichnungen
im Gefangnis sind wiederum in sieben Hefte gegliedert, deren Umfang  im
Durchschnitt etwa dem Nachwort des Staatsanwalts entspricht.
      Die sieben Hefte des ersten Teils scheinen auf den  ersten  Blick
mit den verschiedensten Elementen gefuellt zu sein: Lange  Rueckblenden
stehen  neben  Gegenwartserlebnissen   im   Gefaengnis   und   an   den
Kautionsnachmittagen,  die  Knobel  erzaehlten  Abenteuer   neben   den
parabolischen Geschichten, Gespraeche mit  Besuchern,  Verteidiger  und
Staatsanwalt neben Traeumen  und  Reflexionen  des  Tagebuchschreibers.
Eine  genauere  Analyse  zeigt  aber,  wie  kunstvoll  diese  scheinbar
zufaellig nebeneinander stehenden  Teile  zusammengefuegt,  neben-  und
gegeneinander montiert sind, so dass sie sich gegenseitig ergaenzen und
spiegeln.
      Sie folgen aufeinander nach folgendem  Prinzip:  Die  in  Ichform
gehaltenen Erlebnisse des Haeftlings White  wechseln  alternierend  mit
dem, was er nach Erzaehlungen anderer (Julikas, Rolfs und Sibylles)  zu
protokollieren vorgibt. So fuellt die Darstellung der Ehe Stillers  und
Julikas das zweite umfangreichste  Heft  der  Aufzeichnungen,  die  Ehe
zwischen Rolf und Sibylle, in der Stiller  ja  als  Sibylles  Liebhaber
aufgetaucht ist, das vierte, die Liebesgeschichte zwischen Sibylle  und
Stiller das sechste Heft.
      Diese drei Hefte sind also fast ausschliesslich der Vergangenheit
gewidmet, sie enthalten die Stiller-Handlung. Hefte 1,3 und  5  dagegen
geben die Erlebnisse und Gedanken Whites im Gefangnis  und  in  Amerika
wieder;   diese   Hefte   stellen   die   White-Handlung    dar.    Die
Identitaetsspaltung  zwischen  White  und  Stiller  findet  in   dieser
Struktur ihre genaue Entsprechung.
      Eine  Sonderstellung   nimmt   das   siebente   Heft   ein:   Der
Tagebuchschreiber  weigert  sich  zwar  noch  immer  Stiller  zu  sein,
berichtet aber andererseits zum ersten Male von Stillers Erlebnissen in
der Ichform. (vgl. Frisch 1992: 334) Am Ende des siebenten Buches  sind
mit dem Urteilsspruch  White  und  Stiller  identisch  geworden,  beide
Handlungsstraenge sind ineinander geflossen. Es ist  also  auch  formal
konsequent, dass hier die Tagebuchform aufhoert und ein neuer Erzaehler
zu Worte kommt.

      3.2 Form und Funktion des Tagebuchs
      Max Frisch bedient sich der Tagebuchform. Diese Form findet  sich
haeufig bei Frisch, angefangen von den "Blaettern aus dem Brotsack" bis
hin zu "Montauk". Die  beiden  "Tagebuecher  1946-1949  und  1966-1971"
gehoeren zu seinem schriftstellerischen Werk nicht  weniger  als  seine
Romane, doch ist die Art und Funktion dieser Form  nicht  ueberall  die
gleiche.
      Auf die Besonderheit  und  Funktion  der  Tagebuchform  im  Roman
"Stiller" moechte ich eingehen.
      Vom Tagebuch kann man, genau genommen,  nur  in  den  Heften  mit
ungerader Numerierung sprechen. Dort sind Erlebnisse und  Gedanken  des
Untersuchungshaeftlings festgehalten, er schreibt in der ersten  Person
und meist in der Gegenwart. Die  eingeflochtenen  Geschichten  und  die
Knobel und dem Verteidiger erzaehlten Amerika-Erlebnisse ueberschreiten
eigentlich  schon  den   Charakter   des   Tagebuchs;   sie   enthalten
Rueckwendungen,  die  dazu  bestimmt  sind,   fuer   Mr.   White   eine
Vergangenheit aufzuzeigen. Das Ich, das hier von sich spricht, ist  nur
eine Fiktion; nur die  in  der  dritten  Person  gehaltenen  Protokolle
beschaeftigen sich mit dem  'eigentlichen'  Ich,  dem  Titelhelden  des
Buches.
      Die  Form  des  Tagebuchs  ist   also   hier,   wie   Duerrenmatt
festgestellt hat, "die  eines  fingierten  Tagebuchs  einer  fingierten
Personlichkeit, die damit die Behauptung aufrechterhalten will, sie sei
nicht eine andere" (Duerrenmatt 1971: 11).
      Das trifft allerdings nur auf die ersten Hefte zu.  Im  Schreiben
veraendert sich der Tagebuchschreiber, er  setzt  sich  mit  der  Rolle
auseinander, die er einst gespielt  hat  und  die  ihm  seine  Umgebung
wieder  aufdraengen  will.  Kurz  bevor  er  in  Ichform  von  Stillers
Vergangenheit schreibt, definiert er die Funktion des  Schreibers  fuer
sich selbst folgendermassen:
      "Kann man schreiben, ohne eine Rolle zu spielen?  Man  will  sich
selbst ein  Fremder  sein.  Nicht  in  der  Rolle,  wohl  aber  in  der
unbewussten Entscheidung, welche Art  von  Rolle  ich  mir  zuschreibe,
liegt meine Wirklichkeit. Zuweilen habe ich das Gefuehl, man  gehe  aus
dem Geschriebenen hervor wie eine Schlange aus ihrer Haut. Das ist  es;
man kann sich nicht niederschreiben, man kann sich nur haeuten" (Frisch
1992: 330).
      Erst der Prozess der Selbstbesinnung  durch  das  Tagebuch  macht
Stiller  reif  fuer  seine  'neue  Haut',  fuer  die  erste  Stufe  der
Selbstannahme. Aehnlich definiert Frisch im  "Tagebuch  1945-1949"  die
Funktion des Tagebuchs fuer den Schreibenden:
      "Indem man es nicht verschweigt, sondern aufschreibt, bekennt man sich
zu seinem Denken, das bestenfalls fuer den Augenblick und fuer den  Standort
stimmt, da es sich erzeugt. Man rechnet nicht mit  der  Hoffnung,  dass  man
uebermorgen, wenn man das Gegenteil denkt, klueger sei.  Man  ist,  was  man
ist. Man haelt die Feder hin, wie  eine  Nadel  in  der  Erdbebenwarte,  und
eigentlich  sind  nicht  wir  es,  die   schreiben;   sondern   wir   werden
geschrieben. Schreiben heisst: sich selber lesen" (Frisch 1950: 22).

      3.3 Erzaehlsituation und Erzaehlhaltung
      Die besondere Art und Form des Tagebuchs im "Stiller" laesst sich
erst ganz  verstehen,  wenn  die  Erzaehlsituation  und  Erzaehlhaltung
genauer untersucht werden.  Die  Erzaehlsituation  ist  bestimmt  durch
Stillers     Aufenthalt     im     Gefaengnis.Die     Isolation      im
Untersuchungsgefaengnis zwingt Stiller zum Schreiben, andererseits  ist
es aber die Konfrontation mit der Ehefrau, Feinden, dem Verteitiger und
Staatsanwalt, die auch fuer Wahrheitsermittlung  notwendig  ist.  Diese
Situation  ist  besonders  geeignet  fuer  die  dem  Ich-Roman   eigene
Gewissenserforschung
(vgl. Stanzel 1964: 31), fuer die Darstellung des Identitaetsproblems.
      Nach Stanzels Romantheorie ist "Stiller" am ehesten der Kategorie
der  Ich-  Erzaehlhaltung  zuzuordnen.  Bei   dieser   Erzaehlsituation
dominiert das berichtende Erzaehlen durch eine Erzaehlerfigur  und  die
Innensicht auf das Figurenbewusstsein. Unter der Kategorie "Person" ist
diese Erzaehlsituation  immer  mit  einem  Erzaehler  in  der  Ich-Form
verbunden. Da aber auch ein auktorialer Erzaehler durchaus "Ich"  sagen
kann,  muss  eine  Abgrenzung   vorgenommen   werden:   In   der   Ich-
Erzaehlsituation  bezeichnet  die  erste  Person  Singular  sowohl  den
Erzaehler als auch eine Handlungsfigur, der  Erzaehler  und  die  Figur
gehoeren also dem selben Seinsbereich an.
      Die    Ich-Erzaehlsituation    vereint     mehrere,     scheinbar
widerspruechliche Aspekte: zum  einen  scheint  die  "epische  Distanz"
vollstaendig aufgehoben zu sein,  steht  der  Erzaehler  doch  als  ein
Handelnder mitten im Geschehen. Zum anderen aber ist  dieselbe  Distanz
geradezu konstituierend fuer ihn, da er doch nur  erzaehlen  kann,  was
zeitlich schon vergangen ist. Wie man sieht, ist der Ich-Erzaehler eine
"gespaltene Persoenlichkeit", deren eine Seite  als  "erlebendes  Ich",
die andere als "erzaehlendes Ich"  bezeichnet  wird.  Diese  Aufteilung
erlaubt es ihm auf der einen Seite, sehr  authentisch  und  unmittelbar
ueber sein Innenleben zu reflektieren. Doch ist diese Moeglichkeit  zur
ausgiebigen Introspektion durch ein sehr enges Blickfeld - eben nur das
seine - erkauft, das erfordert, andere Figuren lediglich von aussen  zu
beschreiben. Eine gewisse Naehe zur personalen  Erzaehlsituation  liegt
hier auf der Hand.  Auf  der  anderen  Seite  aber  erzaehlt  er  seine
Geschichte - haeufig sein Leben oder doch wenigstens Episoden daraus  -
aus einem mehr oder weniger grossen zeitlichen Abstand.  Das  befaehigt
ihn, kommentierend und  wertend,  zuweilen  reuevoll,  auf  sein  Leben
zurueckzublicken, was seine Perspektive wiederum an die des auktorialen
Erzaehlers annaehert.
      Als  Stiller  das  Gefangnis  verlaesst,  aendert  sich  mit  der
Situation  auch  die  Erzaehlhaltung,  ein   anderer   uebernimmt   die
Vermittlung der folgenden Ereignisse. Aber  der  erste  Teil  ist  kein
reiner Ich-Roman. Es  ist  nicht  so,  wie  es  Walter  Jens  als  eine
Moeglichkeit beschrieben hat, von der der Autor keinen Gebrauch gemacht
hat: "Anatol Stiller sitzt an seinem Zellen-Tisch, haelt Rueckschau und
konfrontiert   die   Begebenheiten   von   heute    -    Ausgang    und
Gefaengnisbesuche - mit den Ereignissen von gestern" (Jens  1971:  17).
Der, der die Aufzeichnungen niederschreibt, behauptet ja gerade,  nicht
Anatol Stiller zu sein.  Wenn  er  ich  schreibt,  so  meint  er  nicht
Stiller, sondern den  Untersuchungsgefangenen  White.  Diesem  hat  der
Verteidiger ein Heft gegeben, in dem er sein Leben  aufschreiben  soll,
wohl um zu beweisen,  dass  ich  eines  habe  [...],  wie  er  ironisch
anmerkt. (Frisch 1992: 9)
       An Stelle eines Lebensberichtes verfasst er jedoch ein Tagebuch,
das  neben  seinen  Erlebnissen  im  Gefaengnis   und   einigen   wenig
glaubhaften Geschichten aus Amerika nichts ueber sein  frueheres  Leben
enthaelt, was in Ich-Form berichtet wuerde.  Das  Tagebuch-Ich  erweist
sich als ein Ich ohne Geschichte.
      "Das Ich vermag sich offenbar allein als  ein  gegenwaertiges  zu
dokumentieren" (Steinmetz 1973: 36), denn es existiert - genau genommen
- erst seit zwei Jahren, seit dem  Selbstmordversuch.  Eine  Geschichte
hat nur der verschollene Stiller aufzuweisen,  ueber  den  aber  gerade
nicht in der ersten, sondern stets  in  der  dritten  Person  berichtet
wird, der also bis zum 7. Heft hin nie als Ich-Erzaehler in Erscheinung
tritt.
       "Das Ich wird ein Objekt",  wie  Duerrenmatt  sagt  (Duerrenmatt
1971: 12), es wird von aussen, in der dritten Person,  beschrieben,  so
wie die anderen es sehen. Es vermittelt dem Leser das Bild Stillers  in
den Augen der anderen, jenes Bild, vor dem er gerade geflohen ist.
       Die Erzaehlhaltung ist also doppelt gebrochen, einmal  wird  vom
Roman-Ich in der dritten Person gesprochen, andererseits  werden  diese
Er-Berichte wiederum durch den Ich-Erzaehler vermittelt,  der  mit  der
dargestellten Person identisch ist. Die Spannung zwischen  erzaehlendem
und erlebendem Ich, die einen Reiz des Ich-Romans ausmacht,  wird  hier
noch gesteigert. Der Ich-Erzaehler bringt sich dem Leser  immer  wieder
in Erinnerung; obwohl er beteuert: "Ich will aber versuchen, in  diesen
Heften nichts anderes zu tun als zu  protokollieren,  was  Frau  Julika
Stiller-Tschudy [...] mir oder meinem Verteidiger von ihrer Ehe  selber
erzaehlt hat" (Frisch 1992: 90), schimmert seine innere Beteiligung  an
den Vorgaengen von Anfang an durch.
      Da gibt es einmal neutrale  Einfuegungen  wie  ich  protokolliere
[...], scheint es [...], offenbar [...], so sagt  er  [...],  so  meint
mein Staatsanwalt [...], so sagt Sibylle usw., die  den  Redefluss  nur
kurz unterbrechen. Daneben stehen scheinbar  distanzierende  Kommentare
wie Als Fremder hat man den Eindruck (Frisch 1992: 89),  es  liegt  mir
sonst wenig daran, mit dem Verschollenen einig zu  sein  (Frisch  1992:
100) oder Wieso ist er eigentlich so offen zu mir? (Frisch 1992: 222).
      Im zweiten Teil haben wir wiederum einen Ich-Erzaehler, der  aber
nicht im Mittelpunkt, sondern am  Rande  des  Geschehens  steht.  Franz
Stanzel nennt diese Erscheinung "Retrospektive mit Randstellung des Ich-
 Erzaehlers" (vgl. Stanzel: 1955). Daher wird er haeufig als neutraler,
objektiver    Beobachter    angesehen.    So    betont    Braun     den
Protokollcharakter, den diese Aufzeichnungen ebenso wie Heft 2,4 und  6
trugen, und er stellt sie daher als 8. Heft den  7  Heften  des  ersten
Teiles zur Seite  (vgl. Braun 1959: 34 und 75).
      Demgegenueber  muss  doch  auf  den  entscheidenden   Unterschied
zwischen dem ersten und dem zweiten Teil hingewiesen werden, der  darin
liegt, dass der Protokollant im Tagebuch eben derjenige ist, um den  es
geht,  waehrend  sich  Rolf  distanziert  zu  dem  Geschehen  verhaelt.
Juergensen meint: "Rolf stellt seine epische Darstellung zu keiner Zeit
in Frage; er bleibt der autoritaere, allwissende Erzahler". (Juergensen
1972: 76)
      Ist  der  Staatsanwalt  wirklich   ein   allwissender   Erzahler?
Hoechstens wohl insofern, als er bereits  das  Ende  der  Geschichte  -
Julikas Tod kennt und von daher  seinen  Bericht  zusammenfasst.  Seine
Objektivitaet ist doch fraglich. Sein Verhaeltnis zu Stiller ist sicher
zwiespaeltig. Von diesem wird er im  Tagebuch  immer  als  sein  Freund
bezeichnet; seine Freundschaft  drueckt  sich  jedoch  kaum  in  echten
Hilfeleistungen aus. Einmal besuchen er und seine Frau das  Stillersche
Ehepaar im Hotel, dann vergehen anderthalb Jahre bis zu  seinem  ersten
Besuch in Glion. Stillers Anrufe waehrend dieser  Zeit,  die  wohl  ein
Zeichen  seiner  schwierigen  Situation  sind,   sind   Rolf   laestig.
Vielleicht spielt in seinem Unterbewusstsein immer noch die  Eifersucht
auf den frueheren Liebhaber seiner Frau eine Rolle,  was  ihm  ja  auch
einmal - bei dem gemeinsamen Spaziergang  zu  dritt  -  zu  Bewusstsein
kommt: "In den uebrigens seltenen Augenblicken solcher  Art  wurde  mir
das Vergangene doch sehr bewusst; unsere Gegenwart zu  dritt  bestuerzt
mich dann wie etwas Unmoegliches, zumindest Unerwartetes" (Frisch 1992:
416). Zum objektiven Berichterstatter eignet sich  dieser  Mann  gewiss
nicht
      Auch das Nachwort ist  also  aus  einer  subjektiven  Perspektive
heraus erzaehlt, was man beachten muss um die Ehe Stillers  mit  Julika
in ihrer letzten Etappe zu beurteilen. Rolf sieht in ihm den eigentlich
Schuldigen, aber was er berichtet - Julikas mangelnde Anerkennung  fuer
ihren Mann, ihr Verschweigen der bevorstehenden Operation, schliesslich
die  Tatsache,  dass  sie  allein  ins  Krankenhaus  geht  -  widerlegt
eigentlich das, was er sagt. Wir wissen nicht, was in  Julika  vorgeht,
denn es gibt in diesem Buch  keinen  allwissenden  Erzaehler,  der  ins
Innere   seiner   Romanfiguren    sehen    kann.    Die    durchgehende
Perspektivierung des gesamten Romans zeigt jede Figur entweder so,  wie
sie sich selbst sieht, oder als  Bildnis  in  den  Augen  der  anderen,
niemals aber losgeloest aus  ihrer  zwischenmenschlichen  Verflechtung.
Nicht epische Totalitaet, sondern Perspektivierung  und  Medialisierung
sind die Kennzeichen dieser Erzaehlhaltung.

      Schlussfolgerung
      Im ersten Kapitel der vorliegenden Forschungsarbeit haben wir uns
mit folgenden Themen auseinandergesetzt  und  sind  zu  den  Schluessen
gekommen:
     - Die zentralle Stellung in Frischs Werken nehmen Identitaetsfrage
       und Bildnisproblematik ein. Die Titelgestalt vom Roman "Stiller"
       will auch mit sich selbst nicht identisch sein, er  fuehlt  sich
       als Versager und flieht nach Amerika.
     - Waehrend der Untersuchung der strukturellen Besonderheiten haben
       wir festgestellt, dass Frischs Einstellung  zum  Schreibprozess,
       seine  Wahl  der  Architektonik  und   Form   des   Romans   die
       strukturelle Offenheit moeglich macht. Das  bedeutet,  dass  der
       Autor dem Leser seine Meinung  nicht  aufzwingt  und  der  Leser
       dementsprechen ueber verschiedene  Interpretationsmoeglichkeiten
       verfuegt.
     -  Der  komplizierte  Aufbau  des   Romans   widerspiegelt   seine
       Problematik. Man  kann  zwei  Handlungsstraenge  verfolgen,  die
       White- und Stillerhandlung, die am  Ende  zusammenfuehren,  denn
       die Doppelidentitaet Stiller/White wird zu einer Einheit.
     - Die Form und Funktion  des  Tagebuches  ist  im  Roman  mit  der
       Erzaehlsituation eng verbunden, weil die Erzaehlsituation  durch
       Stillers Aufenthalt im Gefaengnis bestimmt ist. In  der  Analyse
       wird  Ich-  Erzaehlsituation   und   ihre   Besonderheiten   vom
       Standpunkt der Erzaehltheorie von Stanzel untersucht. Der  Autor
       waehlt die Ich-Erzaehlsituation, weil  er  innerliche  Welt  der
       Titelgestalt aus subjektiver Sicht betrachten  will.  In  dieser
       Form wird der Leser fast automatisch ein Teil des Buches, da  er
       sich durch die gewhlte Erzhlperspektive in die Rolle  Stillers
       hineinversetzen mu.

       II. Zusammenspiel der Realitaeten

      Der komplizierte Aufbau des Romans, die von Max Frisch gewaehlte  Form
des Tagebuchs und als Folge  die  offene  Struktur  des  Romans  haben  dazu
gefuehrt, dass der Text  nicht  homogaen  ist.  Im  Rahmen  der  fiktionalen
Wirklichkeit  des  Romans  koennen  verschiedene   Schichten   der   inneren
Realitaet  ausgesondert  werden.  Die  Mehrschichtigkeit  kommt   dann   zum
Ausdruck,  wenn  der  Leser  mit  Perspektivierungen  der   Erzaehlung   und
verschiedenen Ebenen der Textwirklichkeit konfrontiert wird.  Das sind:
(Stillers Einreise in die Schweiz einerseits und Nachwort des  Staatsanwalts
  andererseits.
(Die Knobel erzaehlten Geschichten
(Parabolische Geschichten
(Traeume
Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, uns mit dem komplizierten Problem  der
textwirklichkeit  auseinanderzusetzen  und  auf  verschiedene   Ebenen   der
Textwirklichkeit im Roman praezieser einzugehen.

           1. Der Begriff der Textwirklichkeit. Fiktionalitaet und
                     Virtualitaet im literarischen Text

      Unter der  fiktionalen  Wirklichkeit  ist  nicht  die  Nachahmung  der
objektiven Wirklichkeit zu verstehen, sondern eine  besondere  Wirklichkeit,
die sich im Rahmen eines Textes realisiert  und  existiert.  Die  fiktionale
Wirklichkeit ist die  innere  Wirklichkeit  eines  fiktionalen,  das  heisst
eines literarischen Textes,  die  in  diesem  Text  und  durch  diesen  Text
existiert und ueber eigene Gesetzmaessigkeiten verfuegt.
      Die Textwirklichkeit eines Textes stellt in sich keine  Ganzheit  dar,
dementsprechend kann man einen literarischen Text  mit  einer  Konstruktion,
die aus vielen "Kaestchen" besteht, vergleichen. Paduceva bezeichnete  diese
kleinen "Kaestchen" als "Fiktion  zweiten  Grades",  oder  "Fiktion  in  der
Fiktion" (Padu?eva 1996: 388). In  der  Struktur  eines  fiktionalen  Textes
koennen Fragmente abgesondert werden, die ueber eine besondere  Position  im
Vergleich zur Hauptlinie des Erzaehlens verfuegen. Es handelt sich dabei  um
autonome Textteile wie Traum, Tagtraum, erlebte Rede, Luege,  Erzaehlung  in
der  Erzaehlung  und  aehnliche  Erscheinungen,   die   in   das   Textganze
eingeflochten   sind.   Einzelne   Textpassagen   wie   Rede,   Wechselrede,
Landschaftsschilderungen oder Sujetereignisse weisen  auf  diese  fiktionale
Wirklichkeit hin, sind also im Rahmen des  fiktionalen  Systems  des  Textes
verifizierbar.
      "Und dann kam die  Lava,  langsam,  aber  unaufhaltsam,  in  der  Luft
erkaltend und erstarrend, ein schwarzer Brei  mit  Wirbeln  von  weisslichem
Dampf; nur in der Nacht sah man noch die innere Glut  in  diesem  steinernen
Brei, der naeher und naeher kam, haushoch, naeher und naeher: zehn Meter  im
Tag". (Frisch, M. 1992: 47)
      Anders Traeume und Luegen: "Im Fall einer erdachten Welt sind  Objekte
und Situationen  in  der  erdachten  Textwelt  Referenten  der  sprachlichen
Aeusserungen"  (Paduceva  1996:  244).  Diese  Fragmente  im  Rahmen   eines
fiktionalen Textes sind   'Eigentum'  und  'Produkt'  des  Bewusstseins  der
Textfiguren  und  somit  im  referenziellen  System   der   Textwelt   nicht
verifizierbar. Sie verfuegen meistens  ueber  einen  besonderen  Status  und
lassen sich durch inhaltliche und sprachliche  Signale  aus  dem  Textganzen
aussondern.
      "Von Julika getraeumt- wieder fast das gleiche:  sie  sitzt  in  einem
Boulevard-Cafe unter vielen Leuten  und  versucht,  mir  zu  schreiben,  den
Bleistift in den Lippen wie ein Schulmaedchen  in  Not,  ich  will  auf  sie
zugehen, bin aber von drei fremden (deutschen)  Soldaten  verhaftet,  weiss,
dass  Julika  mich  verraten  hat.  Unsere  Blicke  treffen  sich."  (Frisch
1992:333)
      Diese Textkonstruktion, naehmlich "Erzaehlung in der Erzaehlung", oder
mit anderen Worten "Text im Text", spitzt in erster  Linie  das  Moment  des
Spieles  im  Text  zu.  Gleichzeitig  wird   die   Rolle   der   Textgrenzen
unterstrichen, sowohl der aeusseren,  die  den  Text  von  dem  'Nicht-Text'
trennen, als  auch  der  inneren,  die  Textteile  mit  verschiedenen  Coden
aussondern.
      Das Zusammenspiel verschiedener Textschichten kommt nicht nur  dadurch
zum Ausdruck, weil die Elemente des 'Nicht- Textes' in einer Perspektive  in
den Text eingeschlossen, in einer anderen aus dem Text ausgeschlossen  sind,
sondern auch dadurch, dass in beiden Faellen ihr Relativitaetsgrad sich  von
dem des Haupttextes unterscheidet.
      Der Zeichencharakter von allem Kuenstlerischen ist dual  schon  seiner
Natur nach. Einerseits fungiert der Text als eines der Elemente  der  realen
Welt, das sein eigenes Dasein  hat.  Andererseits  aber  ist  der  Text  die
Kreatur des Autors. Gerade in dieser Dualitaet entsteht  "das  Zusammenspiel
auf dem semantischen Feld 'Wirklichkeit- Fiktion' " (Lotman 1992: 72).
      Nach W. P. Rudnev ist  die  Konstruktion  "Text  im  Text"  nicht  nur
literarische, sondern auch kuenstlerische Erscheinung. Als  Beispiel  fuehrt
der Wissenschaftler die Einfuehrung von  Dokumentarbildern  in  einen  Film,
oder den mehrschichtigen Sujetaufbau an.
      J. M. Levin zum Beispiel untersucht solche literarischen  Griffe,  wie
Vermischung von Traum und Wirklichkeit, Motive der Doppelgaenger, mit  deren
Hilfe  der  Autor  einen  mehrschichtigen  Sujetaufbau  erzielt.  In  diesen
Konstruktionen  bildet  das  Fabulieren  die  Oberflaeche  und   dient   der
Entstehung des Haupthemas. Das Haupthema basiert  vorwiegend  auf  formellen
Elementen- auf den  Strukturen  wie  "Text  im  Text"  mit  den  gebrochenen
Kompositionsrahmen, wo  die  Grenzen  zwischen  Realitaeten  verzerrt  sind.
(vgl. Levin 1981: 55-58)
      Indem Autor  seine  Figuren  etwas  traeumen,  erfinden,  luegen  oder
erzaehlen  laesst, wird der Prozess des Erfindens selbst expliziert.  Lotman
(1981) hat diese "Kaestchenkonstruktion" eines Textes mit  dem  Spiegelmotiv
in der Malerei verglichen.
      "Fuer die  Bezeichnung  dieses  Textphaenomens  scheint  der  Terminus
"virtuell" geeignet zu sein. [] Die Wirklichkeit, die sich  im  Bewusstsein
der Figuren eines literarischen Textes  konstituiert,  kann  als  "virtuelle
Wirklichkeit" bezeichnet werden". (?elikova 1998: 224)
      Virtuelle Fragmente im Text helfen oft das  Verborgene  ans  Licht  zu
bringen, das heisst, sie sind Schluessel  zur  Intention  des  Autors.  'Das
Zusammenspiel der Realitaeten' im Rahmen einer fiktionalen  Welt  ist  einer
der  verbreitesten  Griffe  der  modernen  Literatur.  Dieses  Zusammenspiel
basiert auf den Wechselbeziehungen zwischen der fiktionalen  und  virtuellen
Wirklichkeit. Diese zwei Welten koennen sowohl  voneinander  abhaengig  sein
und einander ergaenzen, als auch einander verschlingen. Manchmal dringt  das
virtuelle Fragment in die Struktur des Erzaehlens ein und ersetzt sie.
      Lotman  bezeichnete  diese  "virtuelle  Wirklichkeit"  als  "doppelter
Code". In diesem Zusammenhang behauptete er,  dass  diese  Erscheinung  dazu
fuehrt,  dass  der  Hauptraum  des  Textes,  das  heisst  seine   fiktionale
Wirklichkeit, als 'real' empfunden wird. Daraus  folgt,  dass  der  Hauptext
als  'real'  und  virtuelle  Abschnitte  darin  als  'fiktional'  fungieren.
Nachstehend sprechen wir von dem Zusammenspiel der Textrealitaeten, das  auf
gegenueberstellung "Wirklichkeit- Fiktion" basiert.
      Man kann das mit Recht  mit  der  Opposition  "Vorhandenes-Moegliches"
vergleichen. In dieser Hinsicht ist Rolf Kieser zuzustimmen, der gerade  die
durch das Tagebuch forcierte "Konfrontation  von  Dokumentation  und  reiner
Fiktion,  der  beiden  Zeitbegriffe  der  linearen   Chronologie   und   der
diachronischen Vergaengnis, der Oeffentlichkeit  und  des  Individuums,  des
objektiv erfassbaren Geschehnisses und  der  subjektiv  erlebten  Erfahrung,
der Ich- und der Er-Position" als Weg  sieht,  das  eigene  Wesen  [...]  in
dialektischer Befragung zu ertasten."  (Kieser  1978:  126,)  Es  ist  keine
Konkurrenz, sondern ein notwendiges sich Ergaenzen. Auch  wenn  "das  Faktum
nur  geringen  Wert  [hat],  da  sich  das  Ich  in  ihm  nicht   angemessen
ausdruecken kann," (edg.: 132) so ist der Bericht, das Protokoll  u.ae.  von
Bedeutung, weil die Umwelt des Ich widerspiegelt wird.
      Die Analyse  von  diesen  Konzepten  gibt  uns  die  Moeglichkeit  zur
Untersuchung  des  Aufbaus  des  Romans  vom   Standpunkt   seiner   inneren
Realitaeten aus zu uebergehen.
           2. Mehrschichtigkeit der Textwirklichkeit in "Stiller"

      Der Roman "Stiller" weist eine aehnliche "Kaestchenstruktur" auf.  Das
vollzieht sich erstens auf verschiedenen  Ebenen  der  Textwirklichkeit  und
zweitens traegt die perspektivierte Erzaehlweise dazu bei.
      Im Rahmen des vorliegenden Forschungsthemas  werden  drei  Ebenen  der
fiktionalen  Textwirklichkeit  untersucht,  weil  sie   als   Elemente   des
Zusammenspiels der Realitaeten fungieren.  Die  Mehrschichtigkeit  kommt  in
"Stiller" in  solchen  Textfragmenten  wie  amerikanische  Geschichten,  die
Knobel  erzaehlt  werden,  parabolischen  Geschichten   und   Traeumen   zum
Ausdruck.
      Frisch will die Wirklichkeit  nicht  nur  in  Fakten  suchen,  sondern
gleichwertig in Fiktionen. Indem der Tagebuchschreiber Fiktionen waehlt und
damit spielt, um sich auszudruecken, indem er  Geschichten  erzaehlt,  also
moegliche Beispiele gibt, fuer das, was er  erlebt  hat,  laeuft  er  nicht
Gefahr, sich selbst im Bildnis festzulegen.
      Die Notwendigkeit  sich  mitzuteilen,  kommt  in  "Stiller"  dann  zum
Ausdruck, wo der Gefangene dem Waerter Knobel Geschichten erzaehlt.
      Diese Geschichten sind  Beispiele  fuer  das  obenerwaehnte  Phaenomen
"Text im Text" und tragen zur inneren Mehrschichtigkeit des Textganzen  bei.

      Der Gefangene nennt das Rekonstruieren von  Stillers  Lebensgeschichte
"Protokollieren" (der schweizerische Text). Damit will er  zweifellos  seine
Objektivitaet betonen und beweisen, dass er nichts mit "Erinnerung"  zu  tun
hat. Neben der Lebensgeschichte Stillers spielt  auch  die  Lebensgeschichte
des Gefangenen Mr. White eine Rolle (der amerikanische  Text),  oder  besser
zu  sagen  sein  Leben;  denn   er   hat   keine   Lebensgeschichte,   keine
Vergangenheit, sein Leben besteht eigentlich nur aus  den  Geschichten,  die
er dem interessierten Waerter  Knobel  zum  besten  gibt.  Er  unterscheidet
dabei zwei Arten der Geschichten: einmal die Erzaehlungen  von  "Tatsachen",
zum anderen jene Geschichten, die  der  Gefangene  als  "wahre  Geschichten"
bezeichnet. Diese  Geschichten  haben  fuer  den  Gefangenen  eine  tiefere,
symbolische Bedeutung. Nicht die aeussere, mit Fotos  belegte  Wahrheit  ist
fuer  ihn  wichtig,  sondern  innere,  psychische   Realitaet.   Gerade   im
Fabulieren, im Erfinden  von  Geschichten,  umschreibt  der  Erzaehler  sich
selbst, ohne sich selbst aber zu kennen. Nachtraeglich erst kann er sich  im
Erfundenen selbst finden. Fuer Stiller wird schreiben in  erster  Linie  zur
Strategie bei der Erforschung seines Ich. Es ist der  Raum  zum  fabulieren.
Durch seinen  Vergleich  des  Schreibprozesses  mit  einer  sich  haeutenden
Schlange,   wird   dies   besonders   deutlich:   "Man   kann   sich   nicht
niederschreiben,  man  kann  sich  nur  huten"  (Frisch  1992:  330).   Das
Geschriebene, wird wie die abgelegte Haut der  Schlange,  zum  Abfallprodukt
des Selbstfindungsprozesses.
      Fuer Stiller sind die Geschichten deshalb nicht nur der  Ausdruck  der
eigenen  Wirklichkeit,  sondern  zugleich   die   Moeglichkeit,   sie   (die
Wirklichkeit) zu erkennen.
      Die Aufzeichnungen sind eine Auseinandersetzung mit  Stiller,  der  er
nicht sein  will.  In  diesen  Aufzeichnungen  versucht  der  Gefangene  die
Lebensgeschichte Stillers zu rekonstruiren.
      Auch in der  psychoanalytischen  Therapie  wird  die  Lebensgeschichte
eines Menschen rekonstruiert. Freud  spricht  dabei  vom  "rueckschreitenden
Charakter der Analyse" und beschreibt diese  psychoanalytische  Technik  als
Mittel, um "Verborgenes ans  Licht  zu  ziehen".  (Freud  1910:  112)  Diese
Aufzeichnungen kann man mit der Arbeit des  Psychoanalyse  vergleichen:  die
Handlung des Romans besteht in nichts  anderem,  als  in  der  allmaehlichen
Enthuellung, dass Mr. White wenigstens aeusserlich der verschollene  Stiller
ist.
       Auf die Motivstruktur dieser Geschichten,  vor  allem  aber  auf  die
 Verflechtung von Fakten und Fiktionen darin moechte ich extra eingehen.

            1. Erzaehlte Geschichten

      Eine der Knobel erzaehlten Geschichten  ist  die  Geschichte  mit  der
"kleinen  Mulattin".  (Frisch  1992:  50)  White  beschreibt   eine   seiner
Heldentaten am Rio Grande mit ausgepraegter Wahrhaftigkeit.
      "[] wir hockten gerade am unser Feuer, denn die Abende in der  Wueste
sind  bitterkalt,  natuerlich  gab  es  weit  und  breit  kein   Holz,   wir
verbrannten Putzfaeden, was mehr Gestank, als Waerme  gibt,  und  besprachen
mit den Schmugglern, wie sie uns in der Nacht ueber  die  Grenze  schmuggeln
koennten[]." (Frisch 1992: 51)
      Ploetzlich taucht der Mann von der entfuehrten Mullatin, der eindeutig
kriegerisch gestimmt ist, in einer Limousine auf.  Und  wie  schon  erwaehnt
war, erschiesst White den letzten "auf der Stelle". (Frisch 1992: 52)
      Der eigentliche Sinn der Geschichte laesst sich erst  dann  verstehen,
wenn sie mit der realen Geschichte verglichen  wird.  Die  wahre  Geschichte
geraet  auf  die  Oberflaeche  viel  spaeter  und  wird   nicht   mehr   dem
interessierten Waerter erzaehlt, sondern gehoert  den  uebrigen  Gefaengnis-
Aufzeichnungen an.
      "Ich schwoere: es gibt eine Mulattin namens  Florence,  Tochter  eines
Dockarbeiters, ich habe  sie  taeglich  gesehen  und  einige  Male  mit  ihr
geplaudert ueber einen allerdings  sehr  trennenden,  aus  alten  Teertonnen
ververtigten und von Brombeeren umwucherten Zaun hinweg. Es gibt sie,  diese
Florence mit dem gazellenhaften Gang.  Ich  traeume  von  ihr,  gewiss,  die
wildesten Traeume." (Frisch 1992: 187)
      Die "kleine Mulattin" aus der  White-  Geschichte  bekommt  nun  einen
tastbaren realen Umriss und einen Namen. Damit aber  kommt  ein  Signal  der
Umschaltung der Realitaeten zum Ausdruck.  In  der  ersten  Geschichte  geht
White als Frauenheld zu Werke: ""Ich mag die Neger",  sage  ich,  "aber  ich
vertrage keine verheirateten Maenner, auch wenn es  Neger  sind.  Immer  mit
Ruecksicht, das liegt mir nicht! Natuerlich fuhren wir sofort ueber die
Grenze."" (Frisch 1992: 52)
      In der Wirklichkeit aber kommt an Stelle  Whites  Stiller,  von  einem
Schuerzenjaeger keine Spur. Davon zeugt eine Episode im Bar.
      " Man weiss, wie Neger tanzen. Ihr Partner war gerade ein  halbdunkler
US-Army-Sergeant. []. Ein grosser  Kerl  mit  den  schmalen  Hueften  eines
Loewen, mit zwei Beinen aus Gummi und mit dem halbgeoeffneten Mund der  Lust
[], ein Kerl, der den  Brustkorb  und  die  Schultern  eines  Michelangelo-
Sklaven hatte, der konnte nicht mehr; Florence  tanzte  allein.  Ich  haette
jetzt einspringen koennen. Wenn ich gekonnt haette." (Frisch 1992: 188)
      "[] sie sah mich, sagte: Hallo! Nice to see  you!  Und  es  troestete
mich fast ueber das Bitterschoene meiner Verwirrung; denn  ich  wusste  sehr
wohl, dass ich diesem Maedchen nie genuegen koennte." (Frisch 1992: 189)
      Mr. White ist in den Geschichten mit  allen  Attributen  eines  Machos
ausgeruestet: er verhandelt mit den Schmugglern  in  der  Nacht,  erschiesst
den Rivalen auf der Stelle.  In  Wirklichkeit  erweist  sich  eher  Joe  als
richtiger Macho: "Ein grosser Kerl mit den schmalen  Hueften  eines  Loewen,
mit zwei Beinen aus Gummi und mit dem halbgeoeffneten Mund  der  Lust  []".
Stiller dagegen ist wiederum ein Versager "wenn ich gekonnt haette".
      Und dann eine weitere Parallele,  die  diese  Kluft  zwischen  White's
erwuenschten  "Macho-Welt"  und  Stillers   Verwirrung   gegenueber   Frauen
verdeutlicht: in der Macho- Geschichte erschiesst der kaltblutige White  den
betrogenen Joe. In Wirklichkeit aber ist es Stiller, der zu kurze kommt.
      "Der USA-Army-Sergeant stand auch so herum. []. Dann  aber,  endlich,
kam meine herrliche Florence hinzu, gab mir ein Glas Bowle und sagte:  "This
is Joe, my husband." Ich gratulierte." (Frisch 1992: 191)
      Der wilde Westen, das  exotische  Mexiko  dienen  als  Kulissen  einer
phantasierten,  abenteurlichen  Freiheit,  die  sich  Stiller,   Realitaeten
tauschend, nehmen will. Zum Symbol dieses durch keine  Fessel  zu  bindenden
Ausbruchs wird im Roman die Beschreibung des Vulkans Paricutin in Mexiko.
      "Mitten  aus  der  Finsternis  von  toten  Schlacken,  die  der   Mond
bescheint, ohne ihre Schwaerze tilgen zu koennen, schiesst  sie  hervor  wie
hellichter Purpur, stossweise wie das Blut aus einem  schwarzen  Stier.  Sie
muss sehr duenn und fluessig sein, diese Lava, fast blitzhaft  schiesst  sie
ueber den Berg hinunter, langsam  an  Helle  verlierend,  bis  der  naechste
Ausguss kommt, Glut wie aus dem  Hochofen,  lauchtend  wie  die  Sonne,  die
Nacht erluechtend mit der toedlichen Hitze, der wir alles  Leben  verdanken,
mit dem Innersten unseres  Gehirns.  Das  muessten  Sie  sehen!  In  unserer
Seele, ich erinnere mich sehr genau, erwacht ein Jubel; wie  er  sich  bloss
im Tanz entspannen koennte, im wildesten aller Taenze,ein  Ueberschwang  von
Entsetzen und Entzuecken, wie er die unbegreiflichen Menschen, die sich  das
warme Herz aus dem Leibe schnitten, erfasst haben mag."  (Frisch  1992:  46-
47)
      Mit dieser Schilderung ersetzt  Stiller  zweifelsohne  ihm  widerliche
Wirklichkeit,  stellt  fiktive  Freiheit  dem  realen  innerlichen   Zustand
gegenueber.
      "Zuweilen, allein in meiner Zelle, habe ich das Gefuehl, das  ich  all
dies nur traeume; das Gefuehl: Ich koennte jederzeit aufstehen,  die  Haende
von meinem Gesicht nehmen und mich in Freiheit umsehen, das  Gefaengnis  ist
nur in mir." (Frisch 1992: 20)
       Die Verwandschaft zwischen Dichtung und Psychoanalyse  ist  nicht  zu
uebersehen: sie haben beide das menschliche Seelenleben zum Gegenstand,  was
ganz besonders fuer Frischs Literatur zutrifft. Ein Unterschied besteht  vor
allem darin, dass der Psychoanalytiker sich vorwiegend mit  dem  Seelenleben
anderer befasst, der Dichter dagegen  die  Figuren,  die  er  darstellt  aus
seinem eigenen Innern schoepft. (vgl. Freud 1907: 82)
       Die Wirklichkeit liegt also nicht in der  aeusseren  Biographie;  sie
kann nur mit Hilfe vom Erdichteten ausgedrueckt und umschrieben  werden.  In
seinen Phantasien will sich Stiller selbst erkunden.

2. Parabolische Geschichten in "Stiller"

      Das Erzaehler-Ich in "Stiller" instrumentalisiert die Fiktion, um u.a.
seiner Suche nach dem wahren Ich Ausdruck zu verleihen.  Das  Eintauchen  in
die Schichten seines Bewusstseins wird zur  Abenteuergeschichte  ueber  eine
Expedition in eine Grotte. Die Geschichte beginnt  wie  die  anderen  Knobel
erzaehlten Geschichten als Abenteuer in Texas, der Erzaehler schildert  sich
als  Cowboy.  Bald  jedoch  gewinnt  die  spannende   Geschichte   von   der
Erforschung einer Hoehle eine tiefere  Dimension:  aus  dem  "unterirdischen
Arsenal  der  Metaphern"  (Frisch  1992:  165)   wird   ein   Sinnbild   des
Unterbewusstseins, in dem der Kampf  zwischen  Jim  und  Jim,  zwischen  dem
alten und dem neuen Ich vor sich geht. Das ist ein klarer  Hinweis  auf  die
Persoenlichkeitsspaltung des Erzaehlers, als auch  auf  die  Todeserfahrung,
die Stiller  bei  seinem  Selbstmordversuch  gemacht  hat;  dies  wird  noch
deutlicher beim Anblick des Skelettes, wenn der  Erzaehler  sagt:  "[]  ich
[] musste meinen ganzen Verstand  zusammennehmen,  um  nicht  das  Skelett,
dass da im runden Schein der Lampe lag, schlechterdings  fuer  mein  eigenes
zu halten" (Frisch 1992: 162) Der schwierige Aufstieg  aus  der  Hoehle  ist
ein Symbol fuer die Wiedergeburt des neuen  Ich,  die  Stiller  nach  seinem
Selbstmordversuch erlebt hat.  Vergleicht  er  seine  Erfahrung  danach  mit
einem Kindheitserlebnis: "[] als Buben krochen  wir  manchmal  durch  einen
Abwasserkanal, das ferne Loch mit Tagesschein erschien viel  zu  klein,  als
dass man je herauskommen koennte" (Frisch 1992: 379), so beschreibt  er  den
Ausgang der Hoehle mit aehnlichen Worten: "[] ich sah ein paar Sterne,  ein
paar scheinlose Funken in unendlicher Ferne". (Frisch 1992: 160)
      Der Preis fuer diese Wiedergeburt ist der Kampf mit seinem 'Alter Ego'
und dessen Vernichtung; von  ihm  heisst  es  spaeter:  "Ich  denke,  dieser
Verschollene wird sich auch nicht mehr melden!" (Frisch 1992: 172)
      So bestaetigt  die  Antwort  des  Erzaehler-Ichs  auf  die  Frage  des
Gefaengniswaerters Knobel, ob er die Hauptperson in dieser  Geschichte  sei,
eben dieses Verfahren, Erlebnismuster  in  Fiktionen  auszudruecken:  "Nein,
[...] das gerade nicht! Aber was ich selber erlebt habe, sehen Sie, das  war
genau das gleiche - genau." (Frisch 1992: 172).
      In aehnlichem Mae tragen die Geschichte von Isidor und  das  Maerchen
von Rip van Winkle die Erfahrung in  sich,  den  Anforderungen  einer  Rolle
nicht gerecht zu werden. Die beiden  sind  Heimkehrgeschichten,  obwohl  Jim
White die Schweiz zum  ersten  mal  bereist:  der  Heimkehrer  ist  naemlich
Stiller.
      Die erste Geschichte, die das Thema "Heimkehren"  anschlaegt  ist  die
von Isidor. White schreibt  sie  mit  der  Absicht  nieder,  sie  Julika  zu
erzaehlen, die aus Paris geholt wird, um mit  ihm  konfrontiert  zu  werden.
"Eine wahre Geschichte", so betont er ausdruecklich (Frisch  1992:  41);  es
ist der erste Hinweis darauf, dass die "kleine Schnurre" (edg) in  Beziehung
zu seiner eigenen Problematik steht. Hier  kann  man  zahlreiche  Parallelen
zwischen Whites Fiktion und Stillers Realitaet  ziehen;  erstens  durch  die
Zahl  der  Ehejahre,  denn  auch  Stiller  und  Julika  waren   neun   Jahre
verheiratet, ehe Stiller-wie Isidor- ploetzlich verschwand. Ironisch  heisst
es, es sei im Grunde eine glueckliche Ehe gewesen, auch werden beide  Frauen
als  sehr  liebenswert  bezeichnet.  Noch  deutlicher  wird  die   Beziehung
zwischen dem Fiktiven und Realen, als der Erzaehler berichtet, er  habe  die
Geschichte seiner schoenen Besucherin angepasst, "also unter Weglassung  der
fuenf Kinder und unter freier Verwendung  eines  Traumes  []  Isidor  gibt,
sooft er auftaucht, keine Schuesse in die Torte,  sondern  zeigt  nur  seine
beiden Haende mit Wundmalen" (Frisch 1992:  56).  Der  Heimkehrer  will  mit
dieser Geschichte sich und seine Motive Julika verstaendlich machen.  Julika
aber reagiert genauso wie Isidors Frau, indem  sie  mit  fast  den  gleichen
Worten sagt: "Warum hast du nie geschrieben? Wo bist du nur  all  die  Jahre
gewesen?" (Frisch 1992: 59) Mit anderen Worten: sie ist nicht bereit in  ihm
einen neuen, gewandelten Menschen zu sehen: "Ach, []  du  bist  noch  immer
der gleiche" (Frisch 1992: 57)
      Eine Ehe- und Heimkehrgeschichte ist auch das  Maerchen  von  Rip  van
Winkle, das Frisch von Washington Irving uebernommen und fuer  seine  Zwecke
leicht veraendert hat. Der Heimkehrer nennt sich in  diesem  Maerchen  nicht
White,  sondern  Rip  van  Winkle,  wodurch  eine  parabolische   Spiegelung
entsteht. Die Ausgangssituation ist in beiden Geschichten aehnlich.  Stiller
erkennt sich in Rip van Winkle wieder. Wie dieser ist er in  den  Augen  der
Gesellschaft ein Versager, waehrend  seine  Frau,  ebenso  wie  Julika,  von
allen bedauert und bewundert wird.
      Im Grunde ist dieser Rip van Winkle ein  "herzensguter  Kerl"  (Frisch
1992: 72) und ein Fischer, "der nicht um der Fische willen fischte,  sondern
um zu traeumen"(edg), und aehnelt so Stiller dem "deutschen Traeumer".
      " Rip fuehlte es wohl, dass er einen Beruf haben muesste,  und  liebte
es, sich als Jaeger auszugeben"(Frisch 1992: 73), doch auf  weibliche  Tiere
vermag der "Jaeger mit dem Schiessgewehr" (edg) nicht  abzudruecken-  "stets
hatte er mehr erlebt, als geschossen". (edg).
      Sehr wichtig fuer das Verstehen Stillers Intention ist der Schluss der
Geschichte. Rip van Winkle bleibt bei  Frisch  ein   "Fremdling  in  fremder
Welt" (Frisch 1992: 76), der an seiner Identitaet zweifelt. Auf  die  Frage,
wer er ist, antwortet er: "Gott weiss es, gestern  noch  meinte  ich  es  zu
wissen, aber heute, da ich erwacht bin, wie  soll  ich  es  wissen?"  (edg).
Fast die gleichen Worte gebraucht der Tagebuchschreiber, um seine  Situation
zu beschreiben: "Weiss ich denn selbst, wer  ich  bin?"  (Frisch  1992:  84)
Dies schreibt er, kurz nachdem er dem Verteitiger das Maerchen erzaehlt  hat
um diesem "aus seinem nachgerade ergreifenden Missverstaendnis  meiner  Lage
[] herauszuhelfen" (Frisch 1992: 70) Waehrend aber der  heimkehrende  White
wider seinen Willen  sofort  als  Stiller  identifiziert  wird,  bleibt  van
Winkle selbst gegenueber seiner Tochter unbekannt. Rip  van  Winkle  gelingt
es praktisch wider Willen, was Stiller mit allen seinen Kraeften  vergeblich
anstrebt: er kehrt als Unbekannter, als Fremder in sein Dorf zurueck.
      Der Tagebuchschreiber erfindet also die Geschichten, um einerseits das
Erwuenschte ans Licht zu bringen, um  widerliche  Wirklichkeit  zu  ersetzen
und andererseits um dem Bildnis,  dass  seine  Umwelt  von  ihm  hat,  nicht
gerecht zu werden. Er ist auf der Suche nach seiner "Wirklichkeit,  denn  es
gibt keine Flucht, und was sie mir anbieten,  ist  Flucht,  nicht  Freiheit,
Flucht in eine Rolle." (Frisch 1992: 49)
      Mit Traeumen verhalte es sich ebenso, in beiden  Faellen  spielen  vor
allem verdraengte Wuensche eine Rolle. Das Erfinden von Geschichten und  die
durch  Traeume  ersetzte  Wirklichkeit  geben  dem  Tagebuchschreiber   eine
Moeglichkeit sich selbst zwischen dem Fiktiven und Realem zu finden.

       2.3 Traeume

      Der Roman "Stiller" ist, wie Frisch einmal selbst formuliert hat, "das
Tagebuch eines Gefangenen, der sich selbst entfliehen  will"  (Bienek  1969:
24) Aber mit Flucht ist nicht nur die Flucht in den  Raum  gemeint,  sondern
eine Flucht vor sich selbst.
      Diesen Gedanken wiederspiegeln zwei Traeume von Stiller, die im Rahmen
dieser Behauptung analysiert werden. Der erste  ist  der  sogenannte  "Traum
von Militaer". Diesen Traum verursacht eine Fahrt in ein Zeughaus,  "um  die
soldatische Ausruestung des  Verschollenen  zu  besichtigen"  (Frisch  1992:
152)
      Im Traum werden vom Tagebuchschreiber die Ereignisse  der  vergangenen
Woche verarbeitet und so kommen  sie  dann  zum  Ausdruck:  "Getraeumt:  ich
trage den Waffenrock von Stiller,  dazu  Helm  und  Gewehr."  (Frisch  1992:
174).
      Es war  tatsaechlich  der  Fall  waehrend  des  Besuches,  dass  White
gezwungen war die Militaerausruestung  des  Verschollenen  anzuziehen:  "Ich
komme nicht zu Wort.  Auch  den  Waffenrock  ihres  Verschollenen  habe  ich
anzuziehen" (Frisch 1992: 154)
      "[] ich  sollte  meine  Unterschrift  geben,  um  den  Empfang  eines
Gewehres und der neuen Marschschuhe zu bestaetigen." (Frisch 1992: 155)
      Nach Freuds These: "Durch den Traum koennen wir  manches  wissen,  was
wir uns weigern, wach zu wissen." (Freud 1945: 66)  koennen  wir  behaupten,
dass jeder Traum seinen Sinn hat. Er sieht in  dem  Traum  einen  Vermittler
zwischen dem Unterbewusstsein und dem Bewusstsein. Der Mensch  aeuert  nach
Freud in jedem Traum seinen innersten geheimen Willen, er  sieht  den  Traum
als "Hueter des Schlafes".
      Uns auf den Freudschen Gedanken stuetzend, koennen wir behaupten, dass
das ausschlaggebende in diesem Traum,  in  dieser  Wirklichkeitsbewaeltigung
die  Tatsache  ist,   die   Stiller   spaeter   in   seinen   Aufzeichnungen
protokolliert.
      "Es ist komisch, nicht einmal im Traum fuehle ich mich als Mitrailleur
Stiller" (Frisch 1992: 174)
      Dieser Satz zeugt davon, dass Stiller sogar in Traeumen  den  Gedanken
nicht aufgibt von der Wirklichkeit zu fliehen, ihm  aufgezwungene  Realitaet
loszuwerden und sich selbst ein Fremder zu sein.
       Dieser Flucht von der Wirklichkeit und  vor  allem  vor  sich  selbst
liegt das Gefuehl zugrunde, in allem ein Versager zu sein.
      " Ich bin kein Mann. Jahrelang habe ich davon getraeumt:  ich  moechte
schiessen, aber es schiesst nicht- ich brauche dir nicht zu sagen,  was  das
heisst, es ist der typische Traum der Impotenz". (Frisch 1992: 269)
      Der Traumdeutungstheorie von Sigmund Freud zufolge lassen sich Traeume
mit Hilfe ihrer Symbole verstehen. Die letzten sind mehrdeutig  und  koennen
verschiedene Bedeutungen haben.
      Zum Beispiel Traeume, die eine Flucht beinhalten, haben  im  Gegensatz
zu den meisten anderen Traumbildern haeufig ein  eindeutig  negatives  Bild,
denn auf der Flucht wird sich kaum jemand  wohl  fuehlen.  Auf  der  anderen
Seite kann dieses Traumbild auch darauf hindeuten, dass man  sein  Leben  zu
wenig selbst in die Hand nimmt, seine Kraefte  unterschaetzt  und  nicht  zu
kaempfen wagt. So unangenehm Fluchttraeume  sind,  so  beinhalten  sie  doch
stets auch einen  positiven  Aspekt,  da  Flucht  stets  auch  eine  Loesung
darstellt.
      Der Gegenpol zum Fluchtbild ist das Bild des Kampfes, das in  Traeumen
in vielen Variationen auftaucht. So kann  man  davon  traeumen,  verbal  mit
jemandem   zu   kaempfen,   also   zu   streiten,   man   kann    sich    in
Handgreiflichkeiten verwickelt sehen, oder man kann von Krieg traeumen.
      Diese Symbolik ist besonders fuer die Interpraetation des  Traums  von
Stiller wichtig. Normalerweise wird Kampf als ein Konflikt mit  sich  selbst
gedeutet; man hegt einander widersprechende Gefuehle oder Gedanken. Bei  der
Deutung ist auch wichtig, ob der  Kampf  gewonnen  oder  verloren  wird.  Im
ersten Fall koennen durchaus positive Gefuehle geweckt  werden,  im  zweiten
Fall- und das ist gerade der von Stiller- ist  die  Sache  frustrierend  und
kann zum Ausloeser fuer Fluchttraeume werden.
      Stiller  fuehlt  sich  als  einer,  der  versagt  hat,  er  will  eine
Vergangenheit abschuetteln, die fuer ihn voll  negativer  Erinnerungen  ist.
Sein Versagen  empfindet  er  in  dreifacher  Hinsicht:  als  Kaempfer,  als
Liebender, als Kuenstler. Als Kaempfer hat er in Spanien versagt, wo er  als
Freiwilliger am Buergerkrieg teilgenommen hat. Dass er nicht auf die  Feinde
geschossen hat, obwohl er den Befehl und die Moeglichkeit dazu  hatte,  kann
er sich selber nie verzeihen.
      Hier werden zwei Realitaeten miteinander  konfrontiert:einerseits  ist
es die Wirklichkeit, die mit dem Spanienerlebnis verbunden ist:
      "Ich hatte einen Auftrag, ich hatte mich  sogar  darum  beworben,  ich
hatte den Befehl, die Faehre zu bewachen, einen  vollkommen  klaren  Befehl.
Was weiter! Es ging nicht um mich,  es  ging  um  tausend  andere,  um  eine
Sache. Ich hatte zu schiessen. Wozu war ich in Spanien? Es war ein  Verrat."
(Frisch 1992: 268)
      Andererseits ist es die  fiktive  Realitaet,  die  der  wiederkehrende
Traum vom Gewehr, das nicht losgeht,  beinhaltet:  "ich  moechte  schiessen,
aber es schiesst nicht." (Frisch 1992: 269)
       Von diesem Erlebnis kommt er innerlich nicht los, es  wird  in  einer
Gesellschaft erzaehlt, in der er seine spaetere Frau  Julika  kennen  lernt,
und ebenso erzaehlt er es spaeter Sibylle, als sie ihn  zum  ersten  Mal  in
seinem  Atelier  besucht.  Waehrend  Julika  gar  nicht   versteht,   welche
Bedeutung  dieses  Erlebnis  fuer  ihn  hat,  macht   ihn   Sibylle   darauf
aufmerksam, dass er etwas auf sich  genommen  habe,  was  seinem  Wesen  gar
nicht entsprach. "Wer verlangt von dir,  dass  du  ein  Kaempfer  bist,  ein
Krieger, einer, der schiessen kann?"
(Frisch 1992: 269), fragt sie ihn.  Sie  sieht,  dass  Stiller  sich  selbst
ueberfordert hat, dass er schon damals etwas anderes  sein  wollte,  als  er
eigentlich war. "Er leidet an  der  klassischen  Minderwertigkeitsangst  aus
uebertriebener  Anforderung  an  sich  selbst"  (Frisch   1992:   252),   so
beschreibt der Tagebuchschreiber im Rueckblick  den  verschollenen  Stiller.
Die Niederlage in Spanien, als die  Stiller  dieses  Erlebnis  immer  wieder
bezeichnet,     ist     einer     der      Hauptgruende      fuer      seine
Minderwertigkeitskomplexe. Natuerlich  betreffen  diese  Komplexe  auch  den
erotischen Bereich, und den immer  wiederkehrenden  Traum  vom  Gewehr,  das
nicht losgeht deutet Stiller selbst als  "typische(n)  Traum  der  Impotenz"
(Frisch 1992: 269).  "Schiessen"  ist  in  diesem  Zusammenhang  ambivalent-
woertlich  Bereitschaft  jemandem  das   Leben   zu   nehmen,   metaphorisch
Bereitschaft jemandem das Leben zu geben. Das Gewehr ist demzufolge  in  der
Semantisierung  durch   Stiller   woertlich   Mordinstrument,   metaphorisch
Sexualorgan. Stillers  Angst  bleibt  rein  psychologisch.  Er  will  "nicht
geliebt werden"(Frisch 1992: 269) und  hat  "eigentlich  Angst  vor  Frauen"
(Frisch 1992: 254), doch "immer war da ein Weib "  (Frisch  1992:  311).  Er
kompensiert die Angst und "erobert mehr, als er zu  halten  vermag"  (Frisch
1992: 254).
      Zwar ist Stiller nicht impotent,  aber  es  gelingt  ihm  nicht,  eine
dauerhafte Bindung zu einer Frau zu finden. Die Ehe mit seiner  Frau  Julika
wird fuer ihn zu einer Probe, an  der  er  scheitert.  Seine  Schuldgefuehle
werden dadurch verstaerkt, dass Julika krank  wird  und  in  ein  Sanatorium
nach Davos  gehen  muss.  Zwar  hat  er  inzwischen  in  Sibylle  eine  Frau
kennengelernt, deren heitere, offene Art ihm  eine  weniger  problemgeladene
Beziehung  und  Bindung  moeglich  erscheinen  laesst,   jedoch   ist   sein
Verhaeltnis zu ihr wiederum durch  seine  Schuldgefuehle  gegenueber  Julika
belastet, und so wird  sein  Versagen  als  Liebender  zum  weiteren  Anlass
seiner Flucht nach Amerika.
      Der dritte Punkt, in dem er sich als Versager fuehlt, ist sein  Beruf,
die Bildhauerei; ob zu Recht oder nicht, kann aus dem Text  nicht  eindeutig
erschlossen  werden.  Mr.  White  schreibt  darueber:  "Wie  begabt  er  nun
eigentlich war, ihr verschollener  Stiller,  daruber  gingen  die  Meinungen
offenbar von Anfang an auseinander, und es  gab  Leute,  die  ihn  nie  fuer
einen Kuenstler  hielten"  (Frisch  1992:  91).  Sibylle  dagegen  ist  beim
Blaettern in  seinem  Skizzenbuch  "bestuerzt  im  Gefuehl,  sich  in  einen
Meister verliebt zu haben" (Frisch  1992:  263)  Stiller  selbst  jedenfalls
glaubt,  in  der  Kunst  versagt  zu  haben,  und   zerschlaegt   ja   auch,
heimgekehrt, bei einem Lokaltermin alle seine Werke. Allerdings darf man  in
dieser Handlung nicht nur eine Auseinandersetzung mit  seiner  Kunst  sehen,
er versucht vielmehr ein letztes Mal seine Vergangenheit zu zerschlagen,  um
von ihr frei zu werden.
      "Julika scheint erwartet zu haben, mein Gestaendnis liege bereits vor,
[]." (Frisch 1992: 366)
      "Noch immer mit der warmen Ruhe der Zuversicht versuche ich Julika  zu
erklaeren, warum sie, so sie mich wirklich liebt, kein Gestaendnis  von  mir
braucht, dass ich ihr verschollener Gatte sei." (Frisch 1992: 367)
      "[], nach einigem Warten, [], erhebe  ich  mich,  spuere  ploetzlich
sehr schwere Beine,  staube  meinen  Mantel  ab,  um  Zeit  fuer  irgendeine
gluecklichere  Wendung  zu  lassen,  gehe  endlich  zur  Tuere,   [],   die
geschlossen ist. Geschlossen." (Frisch 1992: 368)
      ""Da!"-lache ich vor Wut, die mich im Grunde doch nicht verlassen hat,
und reisse so ein Sacktuch ab, ratsch, und wie erwartet: lauter  Staub,  von
keinem Verteitiger zu halten, ein Gebroesel  von  trockenem  Lehm,  und  das
naechste ebenso, Mumien, nichts als Mumien, das ist  aber  auch  alles,  was
von ihrem verschollenen Stiller sich haelt,  der  Rest  ist  Erde,  wie  der
Pfarrer sagt, ein paar graubraune Klumpen auf  dem  Boden,  vor  allem  aber
eine Wolke von braunem Staub, wenn ich die Sacktuecher  schuettle."  (Frisch
1992: 370)
      War das Gefuehl, in dreifacher Hinsicht versagt zu  haben,  der  Grund
fuer Stillers Flucht nach Amerika, so lohnt es sich zu  fragen,  ob  es  ihm
dort gelungen ist, sich ein neues Leben und eine neue  Identitaet  mit  sich
selbst  aufzubauen.  Dem  naiven  Waerter  Knobel  gegenueber,   der   seine
Erzaehlungen staunend und  glaeubig  anhoert,  zeichnet  er  ein  Gegenbild:
einen erfolgreichen Mann, der  sich  ohne  Hemmungen  nimmt,  was  er  haben
moechte, und der Glueck bei den Frauen hat.  So  ermordet  er  den  Haaroel-
Gangster Schmitz mit dem Dolch, weil "dem in einem ordentlichen  Rechtsstaat
nicht beizukommen ist" (Frisch 1992:  25);  rettet  eine  Mulattin  aus  dem
brennenden Saegewerk, erschiesst  ihren  Mann  Joe:  "Liebst  du  mich  oder
liebst du ihn?[] Und Schuss. Und kein Wort  mehr  von  Joe"  (Frisch  1992:
52).
      Die  Wirklichkeit  seines  Amerika-Aufenthaltes  hat  offenbar  anders
ausgesehen. Wenn man auch nur wenig ueber Stillers Leben dort  erfaehrt,  so
wird  doch  deutlich,  dass  er  seine  Vergangenheit,  insbesondere   seine
Schuldgefuehle gegenueber seiner Frau, auch hier  nicht  abschuetteln  kann.
Sinnbild dieser Bindung an die Vergangenheit  ist  die  Geschichte  von  der
Katze, die leitmotivisch das Tagebuch durchzieht. Wenn wir die  Gestalt  von
"Little Grey" in die Analyse miteinbeziehen, koennen wir  feststellen,  dass
White in diesem Bild symbolisch fuer Stiller steht. Die Beziehung von  White
zu seiner Katze zeigt Interpetationsmoeglichkeiten bezueglich  derselben  zu
den Beziehungen von Stiller und Julika. Es war in Oakland/  California,  und
er durfte im Hause wohnen, wenn er dafuer die Katze fuetterte. Wenn sie  ihn
stoerte, warf er sie hinaus. Doch sie fand wieder ins Haus:  "Es  wurde  ein
Kampf um Ausdauer weil sie um meine  Huette  jaulte  und  mich  der  ganzen
Nachberschaft verschrie Ihr Blick drohte mit sterben"(Frisch 1992: 62)
      Es ist genauso wie bei Julika, durch deren Krankheit er  sich  an  sie
gefesselt fuehlt. Auch das Gefuehl der eigenen  Minderwertigkeit  gegenueber
Julika uebertraegt er auf die Katze:"Sie lebte  wenn  auch  mit  der  Miene
einer Siegerin" (Frisch 1992: 339)
      Die  Tatsache,  dass  Stiller  die  Katze  einmal  in  dem  Eisschrank
eingesperrt hat, koennte Julika's Frigiditaet symbolisieren, ueber die  sich
Stiller im Nachwort bei Rolf beklagt.
      Er wird die Katze, die er einmal als "Vorbote(n)" bezeichnet (61)  und
die er innerlich mit seiner Frau in  Beziehung  setzt  (Frisch  1992:  339),
ebenso wenig los wie seine Vergangenheit.
      Den letzten  verzweifelten  Schritt,  damit  zu  brechen,  stellt  der
Selbstmordversuch dar, den Stiller zwei Jahre vor seiner  Rueckkehr  in  die
Schweiz unternimmt. Es ist der Versuch, "ein Leben, das  nie  eines  gewesen
war" (Frisch 1992: 381), von sich zu werfen. Der Schmerz und der  Schrecken,
die hinterher einsetzen, zeigen ihm, dass er lebt; er nennt dieses  Erlebnis
seinen Engel. Nun will er so leben, "dass ein wirklicher Tod  zustandekommt"
(Frisch 1992: 381), das heisst, dass er  mit  sich  selbst  identisch  wird.
Stiller kann ueber dieses Erlebnis nur in  Andeutungen  berichten,  es  "ist
nicht verbalisierbar, dabei ist gerade darin seine tiefste Erkenntnis  ueber
sich selbst begruendet" (Tildy 1967: 23). Das Gefuehl, von diesem  Zeitpunkt
an ein neues Leben begonnen zu haben, "die bestimmte Empfindung, jetzt  erst
geboren worden zu sein" (Frisch 1992:  381),  ist  der  tiefste  und  meiner
Meinung nach der eigentliche Grund, weswegen  der  Heimkehrer  sich  weigert
seinen frueheren Namen wieder anzunehmen. Denn damit geriet er  unweigerlich
wieder in sein frueheres Leben hinein, ubernaehme  eine  Rolle,  in  die  er
nicht  mehr  passt.  Niemand  ist  naemlich  bereit  in  ihm  einen   neuen,
gewandelten Menschen zu sehen, jeder sucht in ihm nur die Zuege  des  Anatol
Stiller, die er von frueher her kennt. Darum heisst  es  schon  auf  S.  49:
"Ich bin nicht ihr Stiller [...] Wozu mein  Geflunker?  Nur  damit  sie  mir
meine Leere lassen, meine Nichtigkeit,  meine  Wirklichkeit,  denn  es  gibt
keine Flucht, und was sie mir anbieten, ist Flucht, nicht  Freiheit,  Flucht
in eine Rolle". (Frisch 1992: 49)
      " Es gibt keine Flucht" - dieser Satz  taucht  immer  wieder  auf  und
diese Einsicht ist eine der Grundlagen  des  Romans  ueberhaupt,  denn  weil
Stiller erfahren hat, dass Flucht vor sich selbst nicht nuetzt, um mit  sich
selbst fertig zu werden, kehrt er in  die  Schweiz  zurueck.  Aber  mit  der
Rueckkehr in  die  Schweiz  ist  die  Flucht  vor  sich  selbst  noch  nicht
aufgehoben,  denn  der  Gefangene  weigert  sich  die  Identitaet  mit   dem
Verschollenen zu gestehen.
      Max Frisch hat in seinem  Roman  eine  innere,  psychische  Situation,
naemlich  die  Flucht  vor  sich  selbst  als  eine  aeusserliche  Situation
dargestellt. Der Roman ist eine Darstellung eines Ich-Zerfalls und  zugleich
der Versuch der Wiederherstellung, der  Heilung  durch  Selbstsuche.  Gleich
mit dem Beginn  des  Romans  faengt  diese  Selbstsuche  an  und  in  dieser
Ausseinandersetzung mit sich selbst  liegt  die  psychoanalytische  Faerbung
des Romans.
      "Was Frisch hier darstellt, ist tatsaechlich  eine  Art  Selbstanalyse
als Reaktion auf das  Scheitern  der  Flucht  vor  sich  selbst,  und  diese
Selbstanalyse  hat  sehr  viel  Aehnlichkeit   mit   der   psychoanalytische
Therapie" (Wesstein 1967: 256)

         3. Der amerikanische und der schweizerische Text im Roman.
                    Versuch einer vergleichenden Analyse

         Das Zusammenspiel der Realitaeten  kann  aus  einer  anderen  Sicht
untersucht werden,  die  aber  von  dem  Begriff  der  Mehrschichtigkeit  in
"Stiller" nicht wegzudenken  ist.  Das  ist  die  Opposition  'die  Schweiz-
Amerika', wo Amerika aus Stillers  Perspektive  fuer  die  Welt  der  Flucht
steht und die Schweiz der Ort seines Versagens ist.
      Bei der kritischen Darstellung der Schweiz muss zwischen der  Stillers
und der Whites unterschieden werden,  das  heisst  zwischen  den  kritischen
Aeusserungen Stillers vor  seiner  Flucht  nach  Amerika,  die  von  anderen
Personen berichtet  werden,  und  denen,  die  der  Ich-  Erzaehler  in  der
Gegenwart selbst ausspricht.
      Im  Rahmen  der  vorliegenden  Analyse  ist  gerade  Whites   Position
gegenueber der Schweiz von Bedeutung, insbesondere in  ihrer  Opposition  zu
Amerika, weil sie zu einem Instrument des Zusammenspieles zwischen Fakt  und
Fiktion wird.
      Die Gesellschaftskritik Mr. Whites ist durch die  Form  bestimmt.  Der
Ich- Erzaehler tritt als Amerikaner auf,  er  schildert  die  Welt,  die  er
sieht, quasi von aussen, als Fremder, wenn er schreibt:  "  Zuerich  koennte
ein reizendes Staedchen sein" (Frisch 1992: 77) (und darin liegt schon  eine
gewisse  Kritik),  wenn  er  Zuericher  Grossmuenster   "eine   Art   kleine
Kathedrale" nennt, so glaubt man zunaechst, White sei wirklich ein  Fremder.
Allmaehlich aber gewinnt seine Kritik an der Schweiz eine Schaerfe, wie  sie
ein Fremder wohl nicht  aufbraechte.  Der  Verteitiger  nimmt  es  auch  als
Beweis dafuer, dass sein Mandant Schweizer und somit  der  gesuchte  Stiller
ist.
      " Sie wollen mir nur vormachen, dass Sie kein Schweizer sind und somit
nicht Stiller", sagt er, " aber Sie werden mir nichts  vormachen;  ihr  Hass
gegen die Schweiz beweisst mir noch lange nicht,  dass  Sie  kein  Schweizer
sind. Im Gegenteil!" ruft er, da ich lache,  "  gerade  damit  verraten  Sie
sich." (Frisch 1992: 196)
      Der Tagebuchschreiber betont  jedoch,  dass  seine  Kritik  eigentlich
nicht der Schweiz  gelte:  "  Ich  hasse  nicht  die  Schweiz,  sondern  die
Verlogenheit" (Frisch 1992: 196). Diese Erscheinung ist keinesfalls auf  die
Schweiz beschraenkt, entzuendet aber  stets  die  Kritik  an  den  Schweizer
Verhaeltnissen. Sie scheinen alles  zusammenzufassen,  was  Stiller  an  der
buergerlichen Gesellschaft ueberhaupt kritiesiert. Das haengt wohl  mit  der
Funktion zusammen, die die Schweiz fuer  ihn  und  seine  Identitaetsfindung
hat.  So  meint  Jurgensen:   "   Stillers   Gesellschaftskritik   ist   ein
wesentlicher Bestandteil seiner Selbstanalyse" (Juergensen 1972: 80)

            1. Die raeumliche Perspektive

      Der Schweiz, deren raeumliche und geistige Enge Stiller ein  Aergernis
ist, wird im Roman ein Gegenbild gegenuebergestellt: Amerika,  Sinnbild  der
Weite, des urspruenglichen, nicht genormten Lebens.
      In folgenden Zitaten kommt diese Gegenueberstellung durch die Wortwahl
zum Ausdruck, wobei  fuer  die  Schweiz  Epitheta  wie  "klein,  angemessen,
genuegend"  und  fuer  Amerika  solche  wie  "gross,  gluehend,  unsaeglich,
bluehend" gewaehlt werden:
      "Meine Zelle- ich habe sie eben mit meinem Schuh gemessen,  der  nicht
ganz dreissig Zentimeter hat - ist klein wie alles in diesem  Land,  sauber,
so dass man kaum atmen kann vor  Hygiene,  und  beklommend  gerade  dadurch,
dass alles recht, angemessen und genuegend ist." (Frisch 1992: 15-16)
      "Ich sitze in meiner Zelle,  Blick  gegen  die  Mauer,  und  sehe  die
Wueste. Beispielsweise die Wueste von Chihuahua. Ich sehe ihre groesse  Oede
von bluehender Farben, wo sonst  nichts  anderes  mehr  blueht,  Farben  des
gluehenden Mittags, Farben der Daemmerung, Farben der  unsaeglichen  Nacht."
(Frisch 1992: 26)
       Stiller versucht dem engen und konventionellen  Leben  in  Europa  zu
entfliehen und auf dem neuen  Kontinent  ein  freieres  Leben  zu  beginnen.
Allerdings soll diese Deutung eingeschraenkt werden: Sie gilt  im  "Stiller"
vor allem fuer Mexiko. Was Stiller fasziniert, ist nicht nur die Weite,  die
metaphorisch   fuer   seelische   Freiheit   steht,   sondern    auch    die
Selbstverstaendlichkeit, mit der die Menschen in Mexiko dem  Leben  und  Tod
gegenueberstehen. Der Erinnerung an den Totentag in Mexiko wird kurz  darauf
der  Besuch  auf   dem   Friedhof   in   Zuerich   am   Grabe   der   Mutter
gegenuebergestellt: hier die wortlose  Hilfslosichkeit  zweier  Protestanten
gegenueber dem Phaenomen des Todes, dort der  selbstverstaendliche  Einklang
von Leben und Tod.
      " Ich muss [] an den Totentag denken, wie ich ihn auf  Janitzio  sah,
an die indianischen Muetter, wie sie  auf  den  Graebern  kauern  die  ganze
Nacht, alle in ihren festlichen Trachten,  sorgsam  gekaemmt  wie  fuer  die
Hochzeit, und scheinbar geschieht ueberhaupt nichts, der Friedhof  ist  eine
Terrasse ueber dem schwarzen  See[..],  ein  Friedhof  ohne  einen  einzigen
Grabstein oder sonst ein Zeichen [], dazu die Teller mit allerlei  Speisen,
die mit einem sauberen Tuechlein bedeckt ist, vor allem aber das  sonderbare
Ding, das mit weihnachtlicher Liebe gebastelt worden ist,  ein  Gestell  aus
Bambus, daran das Gebaeck und Blumen, die Fruechte, das  bunte  Zuckerzeug."
(Frisch 1992: 319)
      "Das Grab der  Mutter:  -  wie  Graeber  hierzulande  eben  sind,  mit
gestelltem Granit saeuberlich eingefasst, alle etwas zu kurz, so,  dass  man
den  Schrecken  hat,  den  Toten  auf  den  Fuessen  zu  stehen,  dazwischen
Kieswege, immergruen am Rand, in der Mitte des Grabes  eine  toenerne  Vase,
ein paar welke Astern drin, hintern dem Stein eine rosige  Blechbueckse,  um
die Blumen zu begiessen." (Frisch 1992: 324)
      Sehr viel kritischer aeussert sich  der  Tagebuchschreiber  ueber  New
York. Waehrend der Staatsanwalt von der Rainbow- Bar schwaermt, erzaehlt  er
ihm von der Bowery, einem "Viertel, wo auch die Polizei nicht mehr  hingeht,
Gefilde der Verlorenen" (Frisch 1992:  176),  wo  er  in  einem  betrunkenen
Greis seinen Stiefvater  zu  erkennen  glaubt.  Hier  zeigt  sich,  dass  es
Stiller nicht um die Gesellschaftskritik  geht,  sondern  dass  er  ueberall
seine persoehnliche Problematik sieht. Dies geht  auch  vor  allem  aus  der
Schilderung seiner ersten Eindruecke nach der Landung hervor, wo es heisst:
      " Ich sah die Praerie, die Schlaechtereien von Chikago, die  Mormonen,
die Indianer, die groesste Kupfergrube der Welt []." Und doch verfolgt  ihn
der Gedanke an seine " grazile Balletteuse". (Frisch 1992: 338)
      Diese Stelle im Roman zeugt  davon,  dass  der  Ankoemmling,  der  von
seinem frueheren Leben flieht,  seine  Identitaet  leugnet,  trotzdem  seine
Vergangenheit mit seiner Gegenwart vergleicht, mit anderen Worten sie  nicht
loswird.

            2. Die zeitliche Perspektive

      Wie gesagt,  kann  der  Tagebuchschreiber  seine  Vergangenheit  nicht
abschuetteln. Diese Tatsache widerspiegelt sich auch auf der  Zeitebene,  wo
Vergangenheit  und  Gegenwart  ineinander   verflochten   bleiben.   Dadurch
entstehen  Brechungen,  sodass  sich  Ereignisse  gegeseitig  spiegeln   und
erhellen.
      Keine chronologisch erzaehlte Handlung ist im Roman vorhanden, sondern
ein kompliziertes Geflecht mehrerer Zeitebenen. Die  Vergangenheit  wird  in
Form von Rueckerinnerungen und Berichten in die Gegenwart  hereingeholt  und
mit ihr konfrontiert.
      "Ich  soll  mein  Leben  erzaehlen,  und  wenn  ich   versuche,   mich
verstaendlich zu machen, sagen sie:  Hirngespinste!  [].  Mein  Verteidiger
hoert zu, solange ich von meinem  Haus  in  Oakland  rede,  von  Negern  und
anderen Tatsachen; sowie ich zur wahren  Geschichte  komme  []  putzt  mein
Vertedtiger sich die Fingernaegel, wartet nur darauf, mich  zu  unterbrechen
mit irgendeiner Lappalie: "Sie hatten ein Haus in Oakland?" [] Es war  vier
Meter breit und dreizehn Meter lang (mein Verteitiger notiert, das  ist  es,
was er wissen will!) und eigentlich, ganz genau zu sein, war  es  eher  eine
Schindelhuette." (Frisch 1992: 60-61)
      In diesem Zusammenhang kann man behaupten, dass die  Zeit  zum  Objekt
und  zugleich zum Instrument im Zusammenspiel der Realitaeten wird.
      Wenn wir die Zeitstruktur des Romans unter die Luppe nehmen, ist  auch
in  erster  Linie   zwischen   dem   schweizerischen   und   amerikanischen/
mexikanischen Text zu unterscheiden. Fuer das,  was  aus  Amerika  berichtet
wird,  ist  keine   genaue   Datierung   festzulegen,   mit   Ausnahme   des
Selbstmordversuchs, den Stiller vor seiner Rueckkehr unternimmt.  White  hat
also keine Vergangenheit, die sich erzaehlen liesse, er  gibt  nur  einzelne
Impressionen wieder,  einzelne,  nicht  chronologisch  aufeinander  folgende
Erinnerungen, die sich meist auf den Aufenthalt in  Mexiko  beziehen.  Diese
Mexiko-Erinnerungen sind haeufig im Praesens geschrieben,  ein  Zeichen  fur
eine Art Zeitlosigkeit des dortigen Lebens.
      Im Unterschied dazu ist fuer den 'schweizerischen  Text'  eine  andere
Zeitform, das Praeteritum, charakteristisch.
      "Auf dem Tischlein standen drei Rosen, alles im Preis inbegriffen  und
alles, versteht sich, bei Kerzenlicht." (Frisch 1992: 298)
      "Mexiko!  Man  erinnert  sich  an  Farbfilme,  und  genauso  ist   es,
malerisch, sehr malerisch, und doch, in Wirklichkeit, gibt  es  Augenblicke,
wo man sich ploetzlich fuerchtet. Es stinkt nach einem  toten  Hund.  Kinder
sitzen mit nacktem Hintern auf dem Unrat, auf dem Faeulnis  alter  Fruechte.
Auf dem Boden liegt die Ware, ich sehe sie noch heute:  Bohnen  und  Erbsen,
Nuesse, Fruechte, die ich zum erstenmal sehe. " (Frisch 1992; 29)
      Es sind  die  Impressionen  eines  rollenlosen,  entindividualisierten
Ichs, (Lusser- Mertelsmann 1976:  62)  das  keine  Vergangenheit  und  keine
Zukunft kennt. Diese gewissermassen zeitlose  Existenzweise  wird  auch  vom
Tagebuch-Ich  uebernommen,  das  entgegen  dem  ueblichen   Gebrauch   seine
Eintragungen ohne Datum vornimmt. Wir koennen zwar den Fruehherbst 1952  als
Datum der Rueckkehr festlegen, erfahren aber  nicht  genau,  wie  lange  die
Untersuchungshaft dauert.
      Die   Gegenwartsebene-   die   Monate   der   Untersuchungshaft,   der
schweizerische  Text  -  wird  nun  der  durch  Rueckwendung  hereingeholten
Vergangenheitsebene gegenuebergestellt. Das 2. Heft holt dabei  zeitlich  am
weitesten aus, es beginnt mit dem Kennenlernen  Stillers  und  Julikas  kurz
nach seiner Ruckkehr aus Spanien und  erzaehlt  von  da  an  die  Geschichte
ihrer Ehe, jedoch nicht einfach chronologisch,  sondern  nach  einer  kurzen
Schilderung des Anfangs und der Probleme  dieser  Ehe  springt  der  Bericht
sofort auf das Krisenjahr 1945 (das war vor etwa  sieben  Jahren  -  (Frisch
1992:  94).  Dieses  wird  nun  von  Julikas  Standpunkt  aus   ausfuehrlich
geschildert, dazwischen  aber  heisst  es:  Hier  waere  etwas  nachzutragen
(Frisch 1992: 139), und nun erst erfahren wir Stillers  Spanienerlebnis  aus
dem Jahre 1935. Dies ist - mit  Ausnahme  einiger  Kindheitserlebnisse,  die
aber nicht in unmittelbarer Beziehung zur Handlung stehen  -  der  frueheste
im Roman dargestellte Zeitpunkt. Die Gegenwart macht sich also immer  wieder
bemerkbar, auch in den Rueckwendungen.
      Die beiden anderen der Vergangenheit gewidmeten Hefte - 4 und 6 -haben
zwar eine einfachere Zeitstruktur, weil sie fast  ausschliesslich  vom  Jahr
1945  handeln.  Aber  auch  hier  ist  die  Erzaehlung  immer  wieder  durch
Einschuebe in der  Gegenwart  unterbrochen,  nicht  nur  durch  die  bereits
erwaehnten Bemerkungen und Kommentare des Tagebuchschreibers,  sondern  auch
durch Ereignisse und Reflexionen in der Gegenwart. So heisst es im  4.  Heft
ploetzlich: "Sibylle (die Frau meines Staatsanwalts) hat gestern  kurz  nach
Mitternacht ein beinahe  siebenpfundiges  Maedchen  geboren"  (Frisch  1992:
218), oder im 6. Heft: "Manner sind komisch!" findet  Sibylle  noch  heute""
(Frisch 1992: 284), und nach dem Bericht, dass  Sibylle  sich  in  Le  Havre
eingeschifft  habe:  "Mein  Freund,  der  Staatsanwalt,  meldet,  dass   die
Schlussverhandlung (mit Urteilsspruch) auf Dienstag in acht Tagen  angesetzt
ist " (Frisch 1992: 308). Die  Gegenwart  bleibt  also  im  Bewusstsein  des
Lesers immer  vorhanden.  Karlheinz  Braun  kommentiert  diesen  Sachverhalt
folgendermassen: "Es ist deutlich, dass in diesen Heften  die  Vergangenheit
dominiert, doch Frisch macht von der Moeglichkeit, die  momentane  Gegenwart
aufleuchten zu lassen, so reichlich Gebrauch, dass sich  hier  Vergangenheit
und Gegenwart eigentuemlich vermischen" (Braun 1959: 78)
      Das 7. Heft nimmt  sowohl  in  der  Erzaehlhaltung  als  auch  in  der
zeitlichen Struktur eine Sonderstellung ein. Es enthaelt  zunaechst,  ebenso
wie die anderen Hefte mit ungerader Numerierung, Erlebnisse  im  Gefaengnis,
also in  der  Gegenwartsebene:  Besuch  beim  Zahnarzt,  Gespraech  mit  dem
Staatsanwalt, Gang auf den Friedhof und Besuch von  Freunden,  gemischt  mit
Reflexionen und Erinnerungen an Mexiko, die uebrigens  wieder  im  zeitlosen
Praesens geschrieben  sind.  Danach  folgt  die  Rueckwendung  auf  Stillers
Vergangenheit in der Ich-Form, beginnend mit den Worten: "Es  ist  ja  nicht
wahr [...]"  (Frisch  1992:  334).  Schliesslich  wird  ein  ganzer  Tag  im
Gefaengnis protokolliert, eingeleitet durch die Substantive  mit  zeitlicher
Bedeutung: 1. Der Vormittag, 2. Das Mittagessen, 3.  Der  Nachmittag.  Diese
Protokolle werden immer ausfuehrlicher, der Bericht vom Nachmittag nimmt  23
Seiten ein (355-378). Hier  naehert  sich  die  Erzaehlzeit  der  erzaehlten
Zeit, so wie  sich  die  White-Handlung  der  Stiller-Handlung  naehert  und
schliesslich mit ihr verschmilzt. Das Protokoll war bisher die Form, in  der
die Vergangenheit Stillers dem Leser vermittelt wurde.  Dass  sie  hier  auf
die Gegenwartsebene, den Aufenthalt im Gefangnis, angewandt  wird,  ist  ein
Zeichen dafuer, dass der Tagebuchschreiber White Stillers Vergangenheit  als
die seinige uebernimmt. Das Gefuehl ein neuer, anderer Mensch zu  sein,  das
ihn auch jetzt  nicht  verlaesst,  wird  erst  jetzt,  unmittelbar  vor  der
Urteilsverkuendung, durch den Bericht von seinem Selbstmordversuch  und  die
daraus resultierende Empfindung einer Neugeburt begruendet. "Ich  hatte  die
bestimmte Empfindung erst jetzt geboren worden zu  sein,  und  fuehlte  mich
mit einer Unbedingtheit, die auch das Laecherliche nicht zu  fuerchten  hat,
bereit, niemand anders zu sein als der Mensch,  als  der  ich  eben  geboren
worden bin, und kein anderes Leben zu suchen als dieses, das ich  nicht  von
mir werfen kann" (Frisch 1992: 381).
      Dies ist die einzige  Rueckwendung  auf  den  Amerika-Aufenthalt,  die
zeitlich datiert wird: "Vor etwa zwei Jahren versuchte ich,  mir  das  Leben
zu nehmen "(Frisch 1992: 378).
      Im Zusammenhang mit dem Gesagten, koennen wir zum Schluss kommen, dass
die Zeit im Roman auch als Element des Spieles fungiert. Das kann durch  die
Tatsache bewiesen werden, dass die Zeitlosigkeit im amerikanischen Text  als
Zeichen der Irrealitaet des dortigen Lebens fungiert und  fuer  die  Schweiz
dagegen detailierte Zeitangaben typisch sind.

            3. Die Stilebene

      Nicht nur in raeumlich-zeitlicher Hinsicht lassen sich die Schweiz und
Amerika   gegenueberstellen.   Diese   zwei   Welten,   zwei    verschiedene
Realitaeten, werden auch auf der  Stilebene  miteinander  konfrontiert.  Das
gilt in erster  Linie  Landschaftsbeschreibungen.  Nachstehend  werden  drei
Landschaftsschilderungen  aus  der   sprachlicher   Sicht   analysiert   und
verglichen.
      Die erste ist die Beschreibung der Wueste in Mexiko. Hier arbeitet der
Erzaehler  mit  Anaphern:  "Farben  des  gluehenden  Mittags,   Farben   der
Daemmerung,  Farben  der  unsaeglicher  Nacht"  (Frisch   1992:   26);   mit
Wortwiederholungen: "Sand und Sand und wieder Sand"  (Frisch  1992:26),  vor
allem aber mit zahlreichen Vergleichen. Bei diesen Vergleichen  faellt  auf,
dass sie haeufig das Gesagte wieder einschraenken:  "wie  Orgelpfeifen  oder
siebenarmige Leuchter, aber  haushoch,  []  nicht  eigentlich  gruen,  eher
braeunlich wie Bernstein." (edg.:  26)  Manchmal  wird  auch  der  poetische
wirkende Vergleich durch den prosaischeren ersetzt:  "[]  wie  mattes  Gold
oder auch wie Knochenmehl" (ebd.)  dadurch  wird  der  gehobene  Stil  immer
wieder gebrochen. Ebenso heisst es am Schluss der Beschreibung  der  Wueste:
"Es erfuellte uns, ich erinnere mich, ein feierlicher Uebermut; kurz  darauf
platzte der hintere Pneu" (Frisch 1992: 27)
      Das  eben  beschriebene  Stilmittel  wird  bei  der  zweiten   grossen
Beschreibung, der New Yorks,  noch  haeufiger  angewandt.  Hier  werden  die
Vergleiche immer wieder praezieser; so heisst es: "[] rot,  nicht  rot  wie
Blut, rot wie die Spiegellichter in einem Glas voll roten  Weines."  (Frisch
1992: 315); "oder [] gelb, aber nicht gelb wie  Honig,  duenner,  gelb  wie
Whisky, gruenlich- gelb wie Schwefel [] "  (Frisch  1992:  316)  neben  den
zahlreichen  Vergleichen  gibt  es  hier  auch   Metaphern:   Teichen   voll
Weissglut; Schwaden von buntem Nebel; Sterne ueber einer Sintflut von  Neon-
Limonade; Teppiche, die aber gluehen [] usw. (Frisch 1992: 314)
      Die Widerspruechlichkeit dieser Riesenstadt, die  der  Erzaehler  eine
"Orgie der Disharmonie" nennt (Frisch 1992:  315),  spiegelt  sich  auch  in
antithetischen  Figuren,  die  zwiespaeltige  Gefuehle  des  Erzaehlers  zum
Ausdruck bringen. "Menschen oder Termiten; Sinfonie und  Limonade;  sinnlich
und leblos zugleich; geistig und albern und gewaltig" (Frisch 1992. 316).
      Lyrischer im Ton  ist  die  dritte  groessere  Landschaftsbeschreibung
dieses Textes, die eine Landschaft in der Nahe  von  Zurich  beinhaltet,  wo
Stiller mit dem Staatsanwalt zu Mittag isst und wo er vor vielen Jahren  mit
Julika war.
      Da heisst es z. B.: "[...] die  Zeit  streicht  wie  eine  unsichtbare
Gebaerde ueber die Range" (Frisch 1992: 351)  oder  "[...]  eine  blaeuliche
Geraeumigkeit fuellt die leeren Wipfel der Baeume,  und  wieder  lodert  das
Welken an den Hausmauern empor,  klettert  das  letzte  Laub  in  gluehender
Brunst der  Vergaengnis"  (Frisch  1992:  352).  Hier  dominiert  nicht  die
Beschreibung, sondern die durch die Landschaft ausgeloeste Erinnerung.
      "Es muss an mir liegen Nocheinmal ist alles da,  die  Wespen  in  der
Flasche, die Schatten im Kies, die goldene  Stille  der  Vergaengnis,  alles
wie verzaubert []" (Frisch 1992: 349).
      In der letzten Beschreibung dominiert  nicht  Stiller,  sondern  seine
Erinnerungen  an  Julika.  In  den  ersten  zwei  Beschreibungen  ist  seine
erwuenschte Realitaet vorhanden, er geniesst  dabei  jede  Einzelheit,  weil
diese Schilderungen sein Inneres widerspiegeln und mit ihm identisch sind.
      Es kann festgestellt werden, dass nicht nur in Opposition 'die Schweiz-
Amerika'  sprachliche  Mittel  zur  Entstehung  und  zum  Zusammenspiel  der
Realitaeten beitragen. Es gibt konkrete Griffe, die der Autor  einsetzt,  um
die Mehrschichtigkeit der Textwirklichkeit  emporzuheben. Joachim Kaiser  z.
B. hat auf die Bedeutung der Klammer aufmerksam  gemacht,  die  typisch  fur
Frischs Stil sei. (vgl. Kaiser 1971:  50)  Auch  im  "Stiller"  finden  sich
zahlreiche Klammern (linguistisch gesehen sind das Parenthesen),  so  heisst
es zum Beispiel  ueber  Spanienerlebnisse,  wo  sich  White  Gedanken  ueber
Stiller macht: "Seine Feuerprobe bestand er (vielmehr: er bestand  sie  eben
nicht!) vor Toledo, wo die Faschisten  sich  im  Alcazar  veschanzt  hatten"
(Frisch 1992: 139) Oder: "Natuerlich ritt  ich  schon  im  Morgengrauen  (in
einem grossen Bogen, damit man mir nicht auf die Spur kam) wieder zu  meiner
Grotte" (Frisch 1992: 158)
      "Jim  traute  meinen  Schaetzungen  nicht,  dabei  hat  die   spaetere
Erforschung jener Kavernen  (die  Touristen  erreichen  sie  heutzutage  von
Karlbad her, New Mexico, mit dem Bus) ganz andere  Masse  ergeben."  (Frisch
1992: 163)
      Die Klammer ergaenzt und praezisiert, hat einen Realitaetsbezug,  aber
sie ironisiert und distanziert auch, weisst auf  "fremde  Realitaeten"  hin,
nicht  nur  in  den  Protokollen  des  2.,  4.  und  6.  Heftes,  wenn   das
eingeschobene (so sagt er selbst), (so  sagt  Sibylle)  usw.  das  Erzaehlte
immer wieder vom Erzaehler abrueckt, sondern auch im eigentlichen  Tagebuch:
"So (ungefaehr) werde ich zu Frau Julika Stiller-Tschudy  sprechen  [...  ]"
(Frisch 1992: 343).
      Es lohnt sich auch auf ein weiteres Aspekt, naemlich auf den  Gebrauch
von Helvetismen aufmerksam zu werden. Sie treten im  Text  als  Bestandteile
einer der vorhandenen Realitaeten auf.
      Walter   Schenkers   ausfuehrliche   Untersuchung   behandelt   diesen
Teilaspekt, naemlich die Rolle, die die schweizerische Mundart in  "Stiller"
spielt. Wenn naemlich Stiller in der Rolle Whites seine  Schweizer  Herkunft
verleugnet,  so  muss  er  darauf  achten,  keine   Helvetismen   in   seine
Aufzeichnungen einfliessen zu lassen. Dies gilt natuerlich  vor  allem  fuer
die Hefte 1, 3 und 5, waehrend die Hefte  mit  gerader  Numerierung  ja  das
wiedergeben, was ihm andere erzaehlt haben sollen; hier  besteht  also  kein
Grund schweizerische Redewendungen aengstlich zu vermeiden. So gebraucht  er
z. B. im 2. Heft den  Ausdruck  Coiffeur,  den  Max  Frisch  nach  Schenkers
Auskunft als typisch schweizerisch empfindet.  (Schenker  1969:  55)  Ebenso
heisst es im 2. Heft: "Kurz  darauf  erschien  die  Schwester,  um  sich  zu
erkundigen, ob Frau Julika wirklich  nicht  zu  kalt  hatte"  (Frisch  1992:
144). Der Ausdruck  ich  habe  kalt  statt  hochdeutsch  mir  ist  kalt  ist
eindeutig schweizerisch. Eine  aehnlich  schweizerische  Wendung  ist:  "Die
Sonne  machte  sehr  warm"  (Frisch  1992:  415),  ein  Ausdruck,  den   der
Staatsanwalt in seinem Nachwort benutzt.
      Ob es allerdings White wirklich gelingt, das Tagebuch von  Helvetismen
freizuhalten,  ist  fraglich.  So  schreibt  er  z.  B.:   "Es   war   keine
Kleinigkeit, die steifen Gladiolen einigermassen zu buscheln  (Frisch  1992:
250).  Das  Wort  buscheln  empfindet  auch   Frisch   nach   Schenker   als
mundartlich.  (Schenker 1969: 91)  Je  weiter  das  Tagebuch  fortschreitet,
desto weniger achtet der Schreiber darauf, keine Helvetismen zu  gebrauchen;
als er im 7. Heft seine Vergangenheit durch den Gebrauch der  ersten  Person
als die seinige anerkennt, schreibt er z. B. wieder Coiffeur  (Frisch  1992:
382) oder die Sonne gibt warm (Frisch 1992: 349).
      Sprache und Stil im Allgemeinen sind vielmehr von der Problematik  und
Struktur des Romans  abhaengig,  wobei  sich  die  eigentuemliche  Situation
ergibt, dass der Titelheld, der sich ja schriftlich  und  muendlich  gut  zu
artikulieren  versteht,  gerade   dann   verstummt,   wenn   es   um   seine
persoenlichste, existenzielle Erfahrung geht. Das kann zugleich  als  Signal
der Umschaltung der Realitaeten gelten. Je weiter sich  Stiller  von  seinen
existenziellen Erfahrungen entfernt, desto leichter findet er Worte. So  zum
Beispiel, wenn er Knobel beredt und farbig seine Abenteuer erzaehlt.
      "Das ist es: ich habe keine Sprache fuer die Wirklichkeit", heisst  es
unter PS bereits am Ende des 1.  Heftes.  Und  nach  Reflexionen  ueber  die
Frage, wer er in Wirklichkeit ist, schliesst  der  Tagebuchschreiber  diesen
Abschnitt nochmals  mit  dem  Satz:  "Ich  habe  keine  Sprache  fuer  meine
Wirklichkeit! (Frisch 1992: 84) "Jedes Wort ist falsch  und  wahr,  das  ist
das Wesen des Worts [...]"  (Frisch  1992:  175),  steht  im  3.  Heft,  und
schliesslich reflektiert Stiller im 7. Heft im  Zusammenhang  mit  dem  Sinn
des Tagebuchs:
      "Schreiben  ist   nicht   Kommunikation   mit   Lesern,   auch   nicht
Kommunikation   mit   sich   selbst,   sondern   Kommunikation    mit    dem
Unaussprechlichen. Je  genauer  man  sich  auszusprechen  vermochte,  um  so
reiner erschiene das Unaussprechliche, das heisst die Wirklichkeit, die  den
Schreiber bedraengt und bewegt. Wir haben die Sprache, um stumm  zu  werden.
" (Frisch 1992: 330). "Wer schweigt, ist nicht stumm. (Juergensen 1972:  99)
Wer schweigt, hat nicht einmal eine Ahnung, wer er nicht ist."
      Das  Verstummen,  das  in   letzter   Konsequenz   zum   Wechsel   der
Erzaehlerperspektive fuehrt, setzt ein, nachdem er seine  Vergangenheit  als
die seine anerkannt und, wenn auch nicht ohne Zwang,  seine  Identitaet  als
Stiller akzeptiert hat. (vgl. Schenker 1969:  116)  Vielleicht  deutet  auch
der Name Stiller auf dieses Verstummen.
      Sprache und Stil  werden  also  fuer  den  Tagebuchschreiber  von  dem
Verhaeltnis bestimmt, in dem sich das Dargestellte zu  seiner  persoenlichen
Problematik befindet, Er  weicht  dort,  wo  die  Sprache  die  unmittelbare
Erfahrung nicht ausdrueckt, ins Parabolische aus, sucht sich in  Geschichten
und Traeumen, in Bildern und Vergleichen auszudruecken.


      Schlussfolgerung

      Im Rahmen der vorliegenden Diplomarbeit haben wir uns zum Ziel gesetzt
das Phaenomen des Zusammenspieles der Textrealitaeten im Roman "Stiller"  zu
erlaeutern.
      Im Zusammenhang mit dem gesetzten Ziel haben  wir  uns  mit  folgenden
Aufgaben auseinandergesetzt und sind zu folgenden Schluessen gekommen:

     . Der Aufbau des Romans, die Form und Funktion des  Tagebuches,  deren
       sich der Autor bedient, beeinflussen die Offenheit des  Romans.  Die
       Autorenposition von Max Frisch, die im  Roman  zum  Ausdruck  kommt,
       bawaegt  den  Leser  zum  Nachdenken  und   macht   ihn   zu   einem
       'Mitspieler'. Diese unvollendete literarische Form bewirkt, dass der
       Autor dem Leser sein eigenes Bildnis  nicht  aufzwingt.  Die  knappe
       Information, die der Leser beim  Rezeptionsvorgang  erhaelt,  ergibt
       Leerstellen,  die  er  mit  eigenen  Assoziationen,   Theorien   und
       Vermutungen   fuellt.   Die   Perspektivierung   der   dargestellten
       Ereignisse     fuehrt     unter     anderem     zu     verschiedenen
       Interpretationsmoeglichkeiten.

     . Erzaehlsituation und Erzaehlhaltung, insbesondere  ihre  zahlreichen
       Aenderungen  im  Rahmen  des  Erzaehlens,  treten  als  Signale  der
       Umschaltung der Realitaeten auf.


     .  Das  Fehlen  der  einheitlichen  Textwirklichkeit,   naemlich   das
       Phaenomen "Text im Text" und damit verbundene Erscheinung "virtuelle
       Textwirklichkeit"  sind  wesentliche  Merkmale  des  Zusammenspieles
       zwischen   Fakt   und    Fiktion.    Die    Mehrschichtigkeit    der
       Textwirklichkeit kommt in "Stiller" in  solchen  Textfragmenten  wie
       erzaehlte  Geschichten,  parabolische   Geschichten,   Traeume   zum
       Ausdruck. Diese Behauptung wird in  der  vorliegenden  Arbeit  unter
       anderem durch die psychoanalytischen Theorien der  Traumdeutung  und
       Belletristik von Sigmund Freud bestaetigt. Diesen  Theorien  zufolge
       verarbeitet der Mensch ihm widerliche Wirklichkeit und  ersetzt  sie
       durch eine neue,  erwuenschte,  indem  er  traeumt  und  Geschichten
       erfindet. Mit anderen Worten, er vertauscht Realitaeten  und  spielt
       mit ihnen. Indem der Tagebuchschreiber  Fiktionen  waehlt,  um  sich
       auszudruecken, indem er Geschichten  erzaehlt,  mit  anderen  Worten
       moegliche Beispiele  gibt,  fuer  das,  was  ihm  wiederfahren  ist,
       versucht er sich selbst zu erkennen.

       (      Die Gegenueberstellung 'die Schweiz-  Amerika',  die  sich  im
       Rahmen des Forschungsthemas von der zeitlich- raeumlichen Perspektive
       aus vollzieht, ist zusammen mit der Untersuchung der Sprache und  des
       Stils  wesentlicher  Bestandteil  der  analysierten  Erscheinung  des
       Zusammenspiels    der    Textrealitaeten.    Beim    Vergleich    des
       'schweizerischen'  und  'amerikanischen'   Textes   offenbaren   sich
       inhaltliche  und  sprachliche  Instrumente  und  Signale,   die   die
       Autorenabsicht veranschaulichen.
      - Die raeumliche und geistige Enge der Schweiz wird mit dem  Sinnbild
        der Weite, mit Amerika konfrontiert. Das kommt durch  die  Wortwahl
        zum Ausdruck, wobei fuer die Schweiz z.  B.  Epitheta  wie  "klein,
        angemessen,  genuegend"  und  fuer  Amerika  solche   wie   "gross,
        gluehend, unsaeglich, bluehend" gewaehlt werden.
      - Diese Tatsache  widerspiegelt  sich  auch  auf  der  Zeitebene,  wo
        Vergangenheit und Gegenwart ineinander verflochten bleiben. Dadurch
        entstehen Brechungen, so dass sich Ereignisse  gegeseitig  spiegeln
        und  erhellen.  Die  amerikanische,  bzw.  mexikanische  Ereignisse
        werden  meistens  im  Praesens  beschrieben,   was   von   gewisser
        Zeitlosigkeit, mit anderen  Worten  Fiktion,  des  dortigen  Lebens
        zeugt. Im  'schweizerischen'  Text  bleibt  die  Vergangenheit  und
        Gegenwart miteinander vermischt, was die  Tatsache  zuspitzt,  dass
        der Tagebuchschreiber seine Vergangenheit nicht loswird.
      -  Sprache  und  Stil  werden  fuer  den  Tagebuchschreiber  von  dem
        Verhaeltnis bestimmt,  in  dem  sich  das  Dargestellte  zu  seiner
        persoenlichen Problematik befindet, er weicht dort, wo die  Sprache
        die unmittelbare Erfahrung nicht ausdrueckt, ins Parabolische  aus,
        sucht sich in Geschichten und Traeumen, in Bildern und  Vergleichen
        auszudruecken.

      Die Untersuchung, die  im  Rahmen  der  vorliegenden  Forschungsarbeit
durchgefuehrt war, ist einer  der  Wege  komplizierte  Welt  des  Romans  zu
beschreiben.  Das  Phaenomen  des  Zusammenspieles   der   Realitaeten   hat
ausserdem mit der Beschreibung der obenerwaehnten Textfragmente  noch  nicht
sein Bewenden, denn  der  ganze  Text  basiert  auf  Wechselbeziehungen  von
verschiedenen Perspektieven. Das kommt fast in jedem Satzt zum Ausdruck:  in
Repliken, Beschreibungen von Gestalten, in der Wahl von Epitheta.
      Das von uns gewaehlte Herangehen an die Analyse des Zusammenspiels der
Textrealitaeten im  Rahmen  eines  fiktionalen  Textes  ist  nur  eines  der
Verfahren die Autorenabsicht von Max Frisch zu verstehen.

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"Zusammenspiel der Realiatete als eines der Hauptprinzipien des Sujetaufbaus im Roman Stiller von Max Frisch "